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Die Wahlverwandtschaften

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die ihn anziehen, die ihm, seinem Charakter nach, um des ersten Eindrucks, gewisser Umstände, der Gewohnheit willen, besonders lieb und aufregend sind. Sie  fragte  daher  den  Lord,  wo  es  ihm  denn  am  besten  gefalle  und  wo  er  nun  seine  Wohnung aufschlagen  würde,  wenn  er  zu  wählen  hätte.  Da  wußte  er  denn  mehr  als  eine  schöne  Gegend vorzuzeigen und was ihm dort widerfahren, um sie ihm lieb und wert zu machen, in seinem eigens akzentuierten Französisch gar behaglich mitzuteilen. Auf  die  Frage  hingegen,  wo  er  sich  denn  jetzt  gewöhnlich  aufhalte,  wohin  er  am  liebsten zurückkehre, ließ er sich ganz unbewunden, doch den Frauen unerwar tet, also vernehmen. Ich habe mir nun angewöhnt, überall zu Hause zu sein, und finde zuletzt nichts bequemer, als daß andre für mich bauen, pflanzen und sich häuslich bemühen. Nach meinen eigenen Besitzungen sehne ich mich nicht zurück, teils aus politischen Ursachen, vorzüglich aber w eil mein Sohn, für den ich alles eigentlich getan und eingerichtet, dem ich es zu übergeben, mit dem ich es noch zu genießen  hoffte,  an  allem  keinen  Teil  nimmt,  sondern  nach  Indien  gegangen  ist,  um  sein  Leben dort, wie mancher andere, höher zu nutzen, oder gar zu vergeuden. Gewiß,  wir  machen  viel  zu  viel  vorarbeitenden  Aufwand  aufs  Leben.  Anstatt  daß  wir  gleich anfingen, uns in einem mäßigen Zustand behaglich zu finden, so gehen wir immer mehr ins Breite, um es uns immer unbequemer zu machen. Wer genießt jetzt meine Gebäude, meinen Park, meine Gärten? Nicht ich, nicht einmal die Meinigen, fremde Gäste, Neugierige, unruhige Reisende. Selbst bei vielen Mitteln sind wir immer nur halb und halb zu Hause, besonders auf dem Lande, wo uns manches Gewohnte der Stadt fehlt. Das Buch, das wir am eifrigsten wünschten, ist nicht zur Hand, und gerade was wir am meisten bedürften, ist vergessen. Wir richten uns immer häuslich ein, um wieder auszuziehen, und wenn wir es nicht mit Willen und Willkür tun, so wirken Verhältnisse, Leidenschaften, Zufälle, Notwendigkeit und was nicht alles. Der Lord ahnete nicht, wie tief durch seine  Betrachtungen die Freundinnen getroffen wurden. Und  wie  oft  kommt  nicht  jeder  in  diese  Gefahr,  der  eine  allgemeine  Betrachtung  selbst  in  einer Gesellschaft,  deren  Verhältnisse  ihm  sonst  bekannt  sind,  ausspricht.  Charlotten  war  eine  solche zufällige Verletzung auch durch Wohlwollende und Gutmeinende nichts Neues; und die Welt lag ohnehin  so  deutlich  vor  ihren  Augen,  daß  sie  keinen  besondern  Schmerz  empfand,  wenn  gleich jemand   sie   unbedachtsam   und   unvorsichtig   nötigte,   ihren   Blick   da-   oder   dorthin   auf   eine unerfreuliche Stelle zu richten. Ottilie hingegen, die in halbbewußter Jugend mehr ahnete als sah und  ihren  Blick  wegwenden  durfte,  ja  mußte,  von  dem,  was  sie  nicht  sehen  mochte  und  sollte, Ottilie ward durch diese traulichen Reden in den schrecklichsten Zustand  versetzt: denn es zerriß mit Gewalt vor ihr der anmutige Schleier, und es schien ihr, als wenn alles, was bisher für Haus und Hof, für Garten, Park und die ganze Umgebung geschehen war, ganz eigentlich umsonst sei, weil der,  dem  es  alles  gehörte,  es  nicht  genösse,  weil  auch  der,  wie  der  gegenwärtige  Gast,  zum Herumschweifen  in  der  Welt  und  zwar  zu  dem  gefährlichsten,  durch  die  Liebsten  und  Nächsten gedrängt  worden.  Sie  hatte  sich  an  Hören  und  Schweigen  gewöhnt,  aber  sie  saß  diesmal  in  der peinlichsten Lage, die durch des Fremden weiteres Gespräch eher vermehrt als vermindert wurde, das er mit heiterer Eigenheit und Bedächtlichkeit fortsetzte. Nun  glaub’  ich,  sagte  er,  auf  dem  rechten  Wege  zu  sein,  da  ich  mich  immerfort  als  einen Reisenden betrachte, der vielem entsagt, um vieles zu genießen. Ich bin an den Wechsel gewöhnt, ja er wird mir Bedürfnis, wie man in der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet, gerade weil schon so viele da gewesen. Was ich mir von dem besten und dem schlechtesten Wirtshause versprechen darf, ist mir bekannt: es mag so gut oder schlimm sein, als es will, nirgends find’ ich das Gewohnte, und am Ende läuft es auf eins hinaus, ganz von einer notwendigen Gewohnheit oder ganz von der willkürlichsten Zufälligkeit abzuhangen. Wenigstens habe ich jetzt nicht den Verdruß, daß etwas verlegt oder verloren ist, daß mir ein tägliches Wohnzimmer unbrauchbar wird, weil ich es muß reparieren lassen, daß man mir eine liebe Tasse zerbricht und es mir eine ganze Zeit aus keiner andern schmecken will. Alles dessen bin ich überhoben, und wenn mir das Haus über dem Kopf zu brennen anfängt, so packen meine Leute gelassen ein und auf, und wir fahren zu Hofraum und Stadt hinaus. Und bei allen diesen Vorteilen, wenn ich es genau berechne, habe ich am Ende des Jahrs nicht mehr ausgegeben, als es mich zu Hause gekostet hätte. 94
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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