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Die Wahlverwandtschaften

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Das Haus selbst war nahezu bewohnbar; die Aussicht, besonders aus den obern Zimmern, höchst mannigfaltig. Je länger man sich umsah, desto mehr Schönes entdeckte man. Was mußten nicht hier die  verschiedenen  Tagszeiten,  was  Mond  und  Sonne  für  Wirkungen  hervorbringen!  Hier  zu verweilen war höchst wünschenswert, und wie schnell ward die Lust zu bauen und zu schaffen in Charlotten wieder erweckt, da sie alle grobe Arbeit getan fand. Ein Tischer, ein Tapezier, ein Maler, der  mit  Patronen  und  leichter  Vergoldung  sich  zu  helfen wußte, nur dieser bedurfte man, und in kurzer Zeit war das Gebäude im Stande. Keller und Küche wurden schnell eingerichtet: denn in der Entfernung  vom  Schlosse  mußte  man  alle  Bedürfnisse  um  sich  versammeln.  So  wohnten  die Frauenzimmer  mit  dem  Kinde  nun  oben,  und  von  diesem  Aufenthalt,  als  von  einem  neuen Mittelpunkt,  eröffneten  sich  ihnen  unerwartete  Spaziergänge.  Sie  genossen  vergnüglich  in  einer höheren Region der freien frischen Luft bei dem schönsten Wetter. Ottiliens  liebster  Weg,  teils  allein,  teils  mit  dem  Kind,  ging  herunter  nach  den  Platanen  auf einem bequemen Fußsteig, der sodann zu dem Punkte leitete, wo einer der Kähne angebunden war, mit denen man überzufahren pflegte. Sie erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt; allein ohne das Kind, weil Charlotte deshalb einige Besorgnis zeigte. Doch verfehlte sie nicht, täglich den Gärtner im Schloßgarten zu besuchen und an seiner Sorgfalt für die vielen Pflanzenzöglinge, die nun alle der freien Luft genossen, freundlich teilzunehmen. In dieser schönen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Engländers sehr gelegen, der Eduarden auf  Reisen  kennengelernt,  einigemal  getroffen  hatte  und  nunmehr  neugierig  war,  die  schönen Anlagen zu sehen, von denen er so viel Gutes erzählen hörte. Er brachte ein Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte zugleich einen stillen, aber sehr gefälligen Mann als seinen Begleiter vor. Indem er nun bald mit Charlotten und Ottilien, bald mit Gärtnern und Jägern, öfters mit seinem Begleiter und manchmal allein die Gegend durchstrich, so konnte man seinen Bemerkungen wohl ansehen, daß er ein Liebhaber und Kenner solcher Anlagen war, der wohl auch manche dergleichen selbst ausgeführt hatte. Obgleich in Jahren, nahm er auf eine heitere Weise an allem teil, was dem Leben zur Zierde gereichen und es bedeutend machen kann. In  seiner  Gegenwart  genossen  die  Frauenzimmer  erst  vollkommen  ihrer  Umgebung.  Sein geübtes  Auge  empfing  jeden  Effekt  ganz  frisch,  und  er  hatte  um  so  mehr  Freude  an  dem Entstandenen, als er die Gegend vorher nicht gekannt und was man daran getan, von dem, was die Natur geliefert, kaum zu unterscheiden wußte. Man  kann  wohl  sagen,  daß  durch  seine  Bemerkungen  der  Park  wuchs  und  sich  bereicherte. Schon  zum  voraus  erkannte  er,  was  die  neuen  heranstrebenden  Pflanzungen  versprachen.  Keine Stelle blieb ihm unbemerkt, wo noch irgendeine Schönheit hervorzuheben oder anzubringen war. Hier deutete er auf eine Quelle, welche gereinigt, die Zierde einer ganzen Buschpartie zu werden versprach; hier auf eine Höhle, die ausgeräumt und erweitert einen erwünschten Ruheplatz geben konnte, indessen man nur wenige Bäume zu fällen brauchte, um von ihr aus herrliche Felsenmassen aufgetürmt zu erblicken. Er wünschte den Bewohnern Glück, daß ihnen so manches nachzuarbeiten übrig blieb, und ersuchte sie, damit nicht zu eilen, sondern für folgende Jahre sich das Vergnügen des Schaffens und Einrichtens vorzubehalten. Übrigens war er außer den geselligen Stunden keineswegs lästig: denn er beschäftigte sich die größte  Zeit  des  Tags,  die  malerischen  Aussichten  des  Parks  in  einer  tragbaren  dunklen  Kammer aufzufangen und zu zeichnen, um dadurch sich und andern von seinen Reisen eine schöne Frucht zu gewinnen. Er hatte dieses, schon seit mehreren Jahren, in allen bedeutenden Gegenden getan und sich  dadurch  die  angenehmste  und  interessanteste  Sammlung  verschafft.  Ein  großes  Portefeuille, das er mit sich führte, zeigte er den Damen vor und unterhielt sie, teils durch das Bild, teils durch die Auslegung. Sie freuten sich, hier in ihrer Einsamkeit die Welt so bequem zu durchreisen, Ufer und  Häfen,  Berge,  Seen  und  Flüsse,  Städte,  Kastelle  und  manches  andre  Lokal,  das  in  der Geschichte einen Namen hat, vor sich vorbeiziehen zu sehen. Jede  von  beiden  Frauen  hatte  ein  besonderes  Interesse;  Charlotte  das  all gemeinere,  gerade  an dem,  wo  sich  etwas  historisch  Merkwürdiges  fand,  während  Ottilie  sich  vorzüglich  bei  den Gegenden  aufhielt,  wovon  Eduard  viel  zu  erzählen  pflegte,  wo  er  gern  verweilt,  wohin  er  öfters zurückgekehrt: denn jeder Mensch hat in der Nähe und in der Ferne gewisse örtliche Einzelheiten, 93
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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