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Die Wahlverwandtschaften

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Indem  nun  die  Pflanzen  immer  mehr  Wurzel  schlugen  und  Zweige  trieben,  fühlte  sich  auch Ottilie immer mehr an diese Räume gefesselt. Gerade vor einem Jahre trat sie als Fremdling, als ein unbedeutendes Wesen hier ein; wie viel hatte sie sich seit jener Zeit nicht erworben! Aber leider wie viel hatte sie nicht auch seit jener Zeit wieder verloren! Sie war nie so reich und nie so arm gewesen.  Das  Gefühl  von  beidem  wechselte  augenblicklich  miteinander  ab,  ja  durchkreuzte  sich aufs innigste, so daß sie sich nicht anders zu helfen wußte, als daß sie immer wieder das Nächste mit Anteil, ja mit Leidenschaft ergriff. Daß alles, was Eduarden besonders lieb war, auch ihre Sorgfalt am stärksten an sich zog, läßt sich  denken;  ja  warum  sollte  sie  nicht  hoffen,  daß  er  selbst  nun  bald  wiederkommen,  daß  er  die fürsorgliche  Dienstlichkeit,  die  sie  dem  Abwesenden  geleistet,  dankbar  gegenwärtig  bemerken werde. Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlaßt, für ihn zu wirken. Sie hatte vorzüglich die Sorge für das Kind übernommen, dessen unmittelbare Pflegerin sie um so mehr werden konnte, als   man   es   keiner   Amme   zu   übergeben,   sondern   mit   Milch   und   Wasser   aufzuziehen   sich entschieden hatte. Es sollte in jener schönen Zeit der freien Luft genießen; und so trug sie es am liebsten  selbst  heraus,  trug  das  schlafende,  unbewußte  zwischen  Blumen  und  Blüten  her,  die dereinst  seiner  Kindheit  so  freundlich  entgegen  lachen  sollten,  zwischen  jungen  Sträuchen  und Pflanzen, die mit ihm in die Höhe zu wachsen durch ihre Jugend bestimmt schienen. Wenn sie um sich her sah, so verbarg sie sich nicht, zu welchem großen reichen Zustande das Kind geboren sei: denn fast alles, wohin das Auge blickte, sollte dereinst ihm gehören. Wie wünschenswert war es zu diesem  allem,  daß  es  vor  den  Augen  des  Vaters,  der  Mutter,  aufwüchse  und  eine  erneute  frohe Verbindung bestätigte. Ottilie  fühlte  dies  alles  so  rein,  daß  sie  sich’s  als  entschieden  wirklich  dachte  und  sich  selbst dabei gar nicht empfand. Unter diesem klaren Himmel, bei diesem hellen Sonnenschein, ward es ihr auf einmal klar, daß ihre Liebe, um sich zu  vollenden, völlig uneigennützig werden müsse; ja in manchen Augenblicken glaubte sie diese Höhe schon erreicht zu haben. Sie wünschte nur das Wohl ihres Freundes, sie glaubte sich fähig, ihm zu entsagen, sogar ihn niemals wieder zu sehen, wenn sie ihn   nur   glücklich   wisse.   Aber   ganz   entschieden   war   sie   für   sich,   niemals   einem   andern anzugehören. Daß der Herbst eben so herrlich würde wie der Frühling, dafür war gesorgt. Alle sogenannten Sommergewächse, alles was im Herbst mit Blühen nicht enden kann und sich der Kälte noch keck entgegen  entwickelt,  Astern  besonders,  waren  in  der  größten  Mannigfaltigkeit  gesäet  und  sollten nun überall hin verpflanzt einen Sternhimmel über die Erde bilden. Aus Ottiliens Tagebuche Einen guten Gedanken, den wir gelesen, etwas Auffallendes, das wir gehört, tragen wir wohl in unser  Tagebuch.  Nähmen  wir  uns  aber  zugleich  die  Mühe,  aus  den  Briefen  unserer  Freunde eigentümliche  Bemerkungen,  originelle  Ansichten,  flüchtige  geistreiche  Worte  auszuzeichnen,  so würden wir sehr reich werden. Briefe hebt man auf, um sie nie wieder zu lesen; man zerstört sie zuletzt  einmal  aus  Diskretion,  und  so  verschwindet  der  schönste  unmittelbarste  Lebenshauch unwiederbringlich für uns und andre. Ich nehme mir vor, dieses Versäumnis wieder gutzumachen. So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn. Wir sind nun wieder, Gott sei Dank! an seinem artigsten Kapitel. Veilchen und Maiblumen sind wie Überschriften oder Vignetten dazu. Es macht uns immer einen angenehmen Eindruck, wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen. Wir schelten die Armen, besonders die Unmündigen, wenn sie sich an den Straßen herumlegen und betteln. Bemerken wir nicht, daß sie gleich tätig sind, sobald es was zu tun gibt? Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schätze, so sind die Kinder dahinterher, um ein Gewerbe zu eröffnen; keines  bettelt  mehr;  jedes  reicht  dir  einen  Strauß;  es  hat  ihn  gepflückt,  ehe  du  vom  Schlaf 91
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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