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Die Wahlverwandtschaften

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Führten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen Begebenheiten des Tags auf die Betrachtung der Vergänglichkeit, des Scheidens, des Verlierens, so waren ihr dagegen wundersame nächtliche Erscheinungen zum Trost gegeben, die ihr das Dasein des Geliebten versicherten und ihr eigenes befestigten und belebten. Wenn sie sich abends zur Ruhe gelegt, und im süßen Gefühl noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten  Raum  hineinblickte.  In  diesem  sah  sie  Eduarden  ganz  deutlich,  und  zwar  nicht gekleidet  wie  sie  ihn  sonst  gesehen,  sondern  im  kriegerischen  Anzug,  jedesmal  in  einer  andern Stellung,  die  aber  vollkommen  natürlich  war  und  nichts  Phantastisches  an  sich  hatte;  stehend, gehend, liegend, reitend. Die Gestalt bis aufs kleinste ausgemalt bewegte sich willig vor ihr, ohne daß sie das mindeste dazu tat, ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben, besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war als der helle Grund; aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bäume und Gebirge vorkommen konnten. Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und wenn sie nach einer  ruhigen  Nacht  morgens  wieder  erwachte,  so  war  sie  erquickt,  getröstet,  sie  fühlte  sich überzeugt: Eduard lebe noch, sie stehe mit ihm noch in dem innigsten Verhältnis. Neuntes Kapitel Der  Frühling  war  gekommen,  später,  aber  auch  rascher  und  freudiger  als  gewöhnlich,  Ottilie   fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens: alles keimte, grünte und blühte zur rechten Zeit; manches, was hinter wohlangelegten Glashäusern und Beeten vorbereitet worden, trat nun sogleich der endlich von außen wirkenden Natur entgegen, und alles, was zu tun und zu besorgen war, blieb nicht bloß hoffnungsvolle Mühe wie bisher, sondern ward zum heitern Genusse. An  dem  Gärtner  aber  hatte  sie  zu  trösten  über  manche  durch  Lucianens  Wildheit  entstandene Lücke  unter  den  Topfgewächsen,  über  die  zerstörte  Symmetrie  mancher  Baumkrone.  Sie  machte ihm Mut, daß sich das alles bald wiederherstellen werde; aber er hatte zu ein tiefes Gefühl, zu einen reinen Begriff von seinem Handwerk, als daß diese Trostgründe viel bei ihm hätten fruchten sollen. So wenig der Gärtner sich durch andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf, so wenig darf    der    ruhige    Gang    unterbrochen    werden,    den    die    Pflanze    zur    dauernden    oder    zur vorübergehenden Vollendung nimmt. Die Pflanze gleicht den eigensinnigen Menschen, von denen man  alles  erhalten  kann,  wenn  man  sie  nach  ihrer  Art  behandelt.  Ein  ruhiger  Blick,  eine  stille Konsequenz,  in  jeder  Jahrszeit,  in  jeder  Stunde  das  ganz  Gehörige  zu  tun,  wird  vielleicht  von niemand mehr als vom Gärtner verlangt. Diese Eigenschaften besaß der gute Mann in einem hohen Grade, deswegen auch Ottilie so gern mit   ihm   wirkte;   aber   sein   eigentliches   Talent   konnte   er   schon   einige   Zeit   nicht    mehr   mit Behaglichkeit ausüben. Denn ob er gleich alles, was die Baum- und Küchengärtnerei betraf, auch die  Erfordernisse  eines  ältern  Ziergartens  vollkommen  zu  leisten  verstand  –  wie  denn  überhaupt einem vor dem andern dieses oder jenes gelingt – ob er schon in Behandlung der Orangerie, der Blumenzwiebeln, der Nelken- und Aurikelnstöcke die Natur selbst hätte herausfordern können: so waren ihm doch die neuen Zierbäume und Modeblumen einigermaßen fremd geblieben, und er hatte vor   dem   unendlichen   Felde   der   Botanik,   das   sich   nach   der   Zeit   auftat,   und   den   darin herumsummenden  fremden  Namen  eine  Art  von  Scheu,  die  ihn  verdrießlich  machte.  Was  die Herrschaft voriges Jahr zu verschreiben angefangen, hielt er um so mehr für unnützen Aufwand und Verschwendung, als er gar manche kostbare Pflanze ausgehen sah und mit den Handelsgärtnern, die ihn, wie er glaubte, nicht redlich genug bedienten, in keinem sonderlichen Verhältnisse stand. Er hatte sich darüber, nach mancherlei Versuchen, eine Art von Plan gemacht, in welchem ihn Ottilie um so mehr bestärkte, als er auf die Wiederkehr Eduards eigentlich gegründet war, dessen Abwesenheit man in diesem wie in manchem andern Falle täglich nachteiliger empfinden mußte. 90
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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