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Die Wahlverwandtschaften

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Der  erste  von  allen  Freunden,  die  sich  glückwünschend  sehen  ließen,  war  Mittler,  der  seine Kundschafter ausgestellt hatte, um von diesem Ereignis sogleich Nachricht zu erhalten. Er fand sich ein  und  zwar  sehr  behaglich.  Kaum  daß  er  seinen  Triumph  in  Gegenwart  Ottiliens  verbarg,  so sprach  er  sich  gegen  Charlotten  laut  aus  und  war  der  Mann,  alle  Sorgen  zu  heben  und  alle augenblicklichen Hindernisse beiseitezubringen. Die Taufe sollte nicht lange aufgeschoben werden. Der alte Geistliche, mit einem Fuß schon im Grabe, sollte durch seinen Segen das Vergangene mit dem Zukünftigen zusammenknüpfen; Otto sollte das Kind heißen: es konnte keinen andern Namen führen als den Namen des Vaters und des Freundes. Es    bedurfte    der    entschiedenen    Zudringlichkeit    dieses    Mannes,    um    die    hunderterlei Bedenklichkeiten, das Widerreden, Zaudern, Stocken, Besser- oder Anderswissen, das Schwanken, Meinen, Um- und Wiedermeinen zu beseitigen; da gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten aus einer gehobenen Bedenklichkeit immer wieder neue entstehen, und indem man alle Verhältnisse schonen will, immer der Fall eintritt, einige zu verletzen. Alle  Meldungsschreiben  und  Gevatterbriefe  übernahm  Mittler;  sie  sollten  gleich  ausgefertigt sein: denn ihm war selbst höchlich daran gelegen, ein Glück, das er für die Familie so bedeutend hielt,  auch  der  übrigen  mitunter  mißwollenden  und  mißredenden  Welt  bekannt  zu  machen.  Und freilich  waren  die  bisherigen  leidenschaftlichen  Vorfälle  dem  Publikum  nicht  entgangen,  das ohnehin in der Überzeugung steht, alles, was geschieht, geschehe nur dazu, damit es etwas zu reden habe. Die  Feier  des  Taufaktes  sollte  würdig,  aber  beschränkt  und  kurz  sein.  Man  kam  zusammen, Ottilie  und  Mittler  sollten  das  Kind  als  Taufzeugen  halten.  Der  alte  Geistliche,  unterstützt  vom Kirchdiener, trat mit langsamen Schritten heran. Das Gebet war verrichtet, Ottilien das Kind auf die Arme gelegt, und als sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah, erschrak sie nicht wenig an seinen offenen Augen: denn sie glaubte in ihre eigenen zu sehen, eine solche Übereinstimmung hätte jeden überraschen  müssen.  Mittler,  der  zunächst  das  Kind  empfing,  stutzte  gleichfalls,  indem  er  in  der Bildung  desselben  eine  so  auffallende  Ähnlichkeit  und  zwar  mit  dem  Hauptmann  erblickte, dergleichen ihm sonst noch nie vorgekommen war. Die Schwäche des guten alten Geistlichen hatte ihn gehindert, die Taufhandlung mit mehrerem als der gewöhnlichen Liturgie zu begleiten. Mittler indessen, voll von dem Gegenstande, gedachte seiner  frühern  Amtsverrichtungen  und  hatte  überhaupt  die  Art,  sich  sogleich  in  jedem  Falle  zu denken,  wie  er  nun  reden,  wie  er  sich  äußern  würde.  Diesmal  konnte  er  sich  um  so  weniger zurückhalten, als es nur eine kleine Gesellschaft von lauter Freunden war, die ihn umgab. Er fing daher  an,  gegen  das  Ende  des  Akts,  mit  Behaglichkeit  sich  an  die  Stelle  des  Geistlichen  zu versetzen, in einer muntern Rede seine Patenpflichten und Hoffnungen zu äußern und um so mehr dabei zu verweilen, als er Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Mien e zu erkennen glaubte. Daß  der  gute  alte  Mann  sich  gern  gesetzt  hätte,  entging  dem  rüstigen  Redner,  der  noch  viel weniger dachte, daß er ein größeres Übel hervorzubringen auf dem Wege war: denn nachdem er das Verhältnis eines jeden Anwesenden zum Kinde  mit Nachdruck geschildert und Ottiliens Fassung dabei ziemlich auf die Probe gestellt hatte, so wandte er sich zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten: Und Sie, mein würdiger Altvater, können nunmehr mit Simeon sprechen: Herr, laß deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben den Heiland dieses Hauses gesehen. Nun war er im Zuge, recht glänzend zu schließen, aber er bemerkte bald, daß der Alte, dem er das Kind hinhielt, sich zwar erst gegen dasselbe zu neigen schien, nachher aber schnell zurücksank. Vom Fall kaum abgehalten, ward er in einen Sessel gebracht, und man mußte ihn, ungeachtet aller augenblicklichen Beihilfe, für tot ansprechen. So unmittelbar Geburt und Tod, Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen und zu denken, nicht bloß    mit    der    Einbildungskraft,    sondern    mit    den    Augen    diese    ungeheuern    Gegensätze zusammenzufassen,   war   für   die   Umstehenden   eine   schwere   Aufgabe,   je   überraschender   sie vorgelegt   wurde.   Ottilie   allein   betrachtete   den   Eingeschlummerten,   der   noch   immer   seine freundliche einnehmende Miene behalten hatte, mit einer Art von Neid. Das Leben ihrer Seele war getötet, warum sollte der Körper noch erhalten werden? 89
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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