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Die Wahlverwandtschaften

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noch  in  einen  Sumpf  baute,  und  die  geringsten  Schlösser  nur  durch  eine  Zugbrücke  zugänglich waren, davon können wir uns kaum einen Begriff machen. Sogar größere Städte tragen jetzt ihre Wälle  ab,  die  Gräben  selbst  fürstlicher  Schlösser  werden  ausgefüllt,  die  Städte  bilden  nur  große Flecken, und wenn man so auf Reisen das ansieht, sollte man glauben: der allgemeine Friede sei befestigt und das goldne Zeitalter vor der Tür. Niemand glaubt sich in einem Garten behaglich, der nicht einem freien Lande ähnlich sieht; an Kunst, an Zwang soll nichts erinnern, wir wollen völlig frei  und  unbedingt  Atem  schöpfen.  Haben  Sie  wohl  einen  Begriff,  mein  Freund,  daß  man  aus diesem in einen andern, in den vorigen Zustand zurückkehren könne? Warum nicht? versetzte der Gehilfe: jeder Zustand hat seine Beschwerlichkeit, der be schränkte sowohl  als  der  losgebundene.  Der  letztere  setzt  Überfluß  voraus  und  führt  zur  Verschwendung. Lassen  Sie  uns  bei  Ihrem  Beispiel  bleiben,  das  auffallend  genug  ist.  Sobald  der  Mangel  eintritt, sogleich  ist  die  Selbstbeschränkung  wiedergegeben.  Menschen,  die  ihren  Grund  und  Boden  zu nutzen genötigt sind, führen schon wieder Mauern um ihre Gärten auf, damit sie ihrer Erzeugnisse sicher  seien.  Daraus  entsteht  nach  und  nach  eine  neue  Ansicht  der  Dinge.  Das  Nützliche  erhält wieder die Oberhand, und selbst der Vielbesitzende meint zuletzt auch das alles nutzen zu müssen. Glauben Sie mir: es ist möglich, daß Ihr Sohn die sämtlichen Parkanlagen vernachlässigt und sich wieder hinter die ernsten Mauern und unter die hohen Linden seines Großvaters zurückzieht. Charlotte war im stillen erfreut, sich einen Sohn verkündigt zu hören, und verzieh dem Gehilfen deshalb die etwas unfreundliche Prophezeiung, wie es dereinst ihrem lieben schönen Park ergehen könne. Sie versetzte deshalb ganz freundlich: Wir sind beide noch nicht alt genug, um dergleichen Widersprüche mehrmals erlebt zu haben; allein wenn man sich in seine frühe Jugend zurückdenkt, sich  erinnert,  worüber  man  von  älteren  Personen  klagen  gehört,  Länder  und  Städte  mit  in  die Betrachtung aufnimmt: so möchte wohl gegen die Bemerkung nichts einzuwenden sein. Sollte man denn aber einem solchen Naturgang nichts entgegensetzen, sollte man Vater und Sohn, Eltern und Kinder   nicht   in   Übereinstimmung   bringen   können?   Sie   haben   mir   freundlich   einen   Knaben geweissagt; müßte denn der gerade mit seinem Vater im Widerspruch stehen? zerstören, was seine Eltern erbaut haben, anstatt es zu vollenden und zu erheben, wenn er in  demselben Sinne fortfährt? Dazu  gibt  es  auch  wohl  ein  vernünftiges  Mittel,  versetzte  der  Gehilfe,  das  aber  von  den Menschen  selten  angewandt  wird.  Der  Vater  erhebe  seinen  Sohn  zum  Mitbesitzer,  er  lasse  ihn mitbauen, -pflanzen und erlaube ihm, wie sich selbst, eine unschädliche Willkür. Eine Tätigkeit läßt sich  in  die  andre  verweben,  keine  an  die  andre  anstückeln.  Ein  junger  Zweig  verbindet  sich  mit einem alten Stamme gar leicht und gern, an den kein erwachsener Ast mehr anzufügen ist. Es  freute  den  Gehilfen,  in  dem  Augenblick,  da  er  Abschied  zu  nehmen  sich  genötigt  sah, Charlotten zufälligerweise etwas Angenehmes gesagt und ihre Gunst aufs neue dadurch befestigt zu haben.  Schon  allzulange  war  er  von  Hause  weg,  doch  konnte  er  zur  Rückreise  sich  nicht  eher entschließen, als nach völliger Überzeugung, er müsse die herannahende Epoche von Charlottens Niederkunft  erst  vorbeigehen  lassen,  bevor  er  wegen  Ottiliens  irgendeine  Entscheidung  hoffen könne. Er fügte sich deshalb in die Umstände und kehrte mit diesen Aussichten und Hoffnungen wieder zur Vorsteherin zurück. Charlottens Niederkunft nahte heran. Sie hielt sich mehr in ihren Zimmern. Die Frauen, die sich um sie versammelt hatten, waren ihre geschlossenere Gesellschaft. Ottilie besorgte das Hauswesen, indem sie kaum daran denken durfte, was sie tat. Sie hatte sich zwar völlig ergeben, sie wünschte für Charlotten, für das Kind, für Eduarden sich auch noch ferner auf das dienstlichste zu bemühen, aber sie sah nicht ein, wie es möglich werden wollte. Nichts konnte sie vor völliger Verworrenheit   retten, als daß sie jeden Tag ihre Pflicht tat. Ein Sohn war glücklich zur Welt gekommen, und die Frauen versicherten sämtlich, es sei der ganze leibhafte Vater. Nur Ottilie konnte es im stillen nicht finden, als sie der Wöchnerin Glück wünschte  und  das  Kind  auf  das  herzlichste  begrüßte.  Schon  bei  d en  Anstalten  zur  Verheiratung ihrer Tochter war Charlotten die Abwesenheit ihres Gemahls höchst fühlbar gewesen; nun sollte der Vater auch bei der Geburt des Sohnes nicht gegenwärtig sein; er sollte den Namen nicht bestimmen, bei dem man ihn künftig rufen würde. 88
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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