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Die Wahlverwandtschaften

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als Erbe und einziger Besitzer eintreten. Die Hauptsache schien hiebei, daß er eine einstimmende Gattin finden müsse. Er hatte im stillen Ottilien vor  Augen und im Herzen; allein es regten sich mancherlei Zweifel, die wieder durch günstige Ereignisse einiges Gegengewicht erhielten. Luciane hatte  die  Pension  verlassen;  Ottilie  konnte  freier  zurückkehren;  von   dem Verhältnisse  zu  Eduard hatte  zwar  etwas  verlautet;  allein  man  nahm  die  Sache, wie ähnliche Vorfälle mehr, gleichgültig auf, und selbst dieses Ereignis konnte zu Ottiliens Rückkehr beitragen. Doch wäre man zu keinem Entschluß gekommen, kein Schritt wäre geschehen, hätte nicht ein unvermuteter Besuch auch hier eine  besondere  Anregung  gegeben.  Wie  denn  die  Erscheinung  von  bedeutenden  Menschen  in irgendeinem Kreise niemals ohne Folgen bleiben kann. Der  Graf  und  die  Baronesse,  welche  so  oft  in  den  Fall  kamen,  über  den  Wert  verschiedener Pensionen  befragt  zu  werden,  weil  fast  jedermann  um  die  Erziehung  seiner  Kinder  verlegen  ist, hatten  sich  vorgenommen,  diese  besonders  kennenzulernen,  von  der  so  viel  Gutes  gesagt  wurde, und konnten nunmehr in ihren neuen Verhältnissen zusammen eine solche Untersuchung anstellen. Allein  die  Baronesse  beabsichtigte  noch  etwas  anderes.  Während  ihres  letzten  Aufenthalts  bei Charlotten  hatte  sie  mit  dieser  alles  umständlich  durchgesprochen,  was  sich  auf  Eduarden  und Ottilien  bezog.  Sie  bestand  aber  und  abermals  darauf:  Ottilie  müsse  entfernt  werden.  Sie  suchte Charlotten  hiezu  Mut  einzusprechen,  welche  sich  vor  Eduards  Drohungen  noch  immer  fürchtete. Man sprach über die verschiedenen Auswege, und bei Gelegenheit der Pe nsion war auch von der Neigung des Gehilfen die Rede, und die Baronesse entschloß sich um so mehr zu dem gedachten Besuch. Sie kommt an, lernt den Gehilfen kennen, man beobachtet die Anstalt und spricht von Ottilien. Der  Graf  selbst  unterhält  sich  gern  über  sie,  indem  er  sie  bei  dem  neulichen  Besuch  genauer kennengelernt.  Sie  hatte  sich  ihm  genähert,  ja  sie  ward  von  ihm  angezogen,  weil  sie  durch  sein gehaltvolles Gespräch dasjenige zu sehen und zu  kennen glaubte, was ihr bisher ganz unbekannt geblieben  war.  Und  wie  sie  in  dem  Umgange  mit  Eduard  die  Welt  vergaß,  so  schien  ihr  an  der Gegenwart des Grafen die Welt erst recht wünschenswert zu sein. Jede Anziehung ist wechselseitig. Der Graf empfang eine Neigung für Ottilien, daß er  sie gern als seine Tochter betrachtete. Auch hier war sie der Baronesse zum zweitenmal und mehr als das erstemal im Wege. Wer weiß, was diese,  in  Zeiten  lebhafterer  Leidenschaft,  gegen  sie  angestiftet  hätte;  jetzt  war  es  ihr  genug,  sie durch eine Verheiratung den Ehefrauen unschädlicher zu machen. Sie regte daher den Gehilfen auf eine leise, doch wirksame Art klüglich an, daß er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schloß einrichten und seinen Planen und Wünschen, von denen er der Dame kein Geheimnis gemacht, sich ungesäumt nähern solle. Mit  vollkommener  Beistimmung  der  Vorsteherin  trat  er  daher  seine  Reise  an  und  hegte  in seinem  Gemüte  die  besten  Hoffnungen.  Er  weiß,  Ottilie  ist  ihm  nicht  ungünstig;  und  wenn zwischen  ihnen  einiges  Mißverhältnis  des  Standes  war,  so  glich  sich  dieses  gar  leicht  durch  die Denkart  der  Zeit  aus.  Auch  hatte  die  Baronesse  ihm  wohl  fühlen  lassen,  daß  Ottilie  immer  ein armes  Mädchen  bleibe.  Mit  einem  reichen  Hause  verwandt  zu  sein,  hieß  es,  kann  niemandem helfen:  denn  man  würde  sich,  selbst  bei  dem  größten  Vermögen,  ein  Gewissen  daraus  machen, denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen, die dem näheren Grade nach ein vollkommneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen. Und gewiß bleibt es wunderbar, daß der Mensch das große Vorrecht, nach seinem Tode noch über seine Habe zu disponieren, sehr selten zu Gunsten seiner Lieblinge gebraucht, und, wie es scheint, aus Achtung für das Herkommen nur diejenigen begünstigt, die nach ihm sein Vermögen besitzen würden, wenn er auch selbst keinen Willen hätte. Sein Gefühl setzte ihn auf der Reise Ottilien  völlig gleich. Eine gute Aufnahme erhöhte seine Hoffnungen.  Zwar  fand  er  gegen  sich  Ottilien  nicht  ganz  so  offen  wie  sonst;  aber  sie  war  auch erwachsener, gebildeter, und wenn man will, im allgemeinen mitteilender, als er sie gekannt hatte. Vertraulich  ließ  man  ihn  in  manches  Einsicht  nehmen,  was  sich  besonders  auf  sein  Fach  bezog. Doch wenn er seinem Zwecke sich nähern wollte,  so hielt ihn immer eine gewisse innere Scheu zurück. 85
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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