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Die Wahlverwandtschaften

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Mit vieler Sorgfalt untersuchte der verständige Mann nunmehr die Art, wie Ottilie ihre kleinen Zöglinge  behandelte,  und  bezeigte  darüber  seinen  entschiedenen  Beifall.  Sehr  richtig  heben  Sie, sagte  er,  Ihre  Untergebenen  nur  zur  nächsten  Brauchbarkeit  heran.  Rei nlichkeit  veranlaßt  die Kinder mit Freuden, etwas auf sich selbst zu halten, und alles ist gewonnen, wenn sie das, was sie tun, mit Munterkeit und Selbstgefühl zu leisten angeregt sind. Übrigens  fand  er  zu  seiner  großen  Befriedigung  nichts  auf  den  Schein  und  nach  außen  getan, sondern alles nach innen und für die unerläßlichen Bedürfnisse. Mit wie wenig Worten, rief er aus, ließe sich das ganze Erziehungsgeschäft aussprechen, wenn jemand Ohren hätte zu hören. Mögen Sie es nicht mit mir versuchen? fragte freundlich Ottilie. Recht  gern,  versetzte  jener,  nur  müssen  Sie  mich  nicht  verraten.  Man  erziehe  die  Knaben  zu Dienern und die Mädchen zu Müttern, so wird es überall wohl ste hn. Zu Müttern, versetzte Ottilie, das könnten die Frauen noch hingehen lassen, da sie sich, ohne Mütter zu sein, doch immer einrichten müssen, Wärterinnen zu werden; aber freilich zu Dienern würden sich unsre jungen Männer viel zu gut halten, da man jedem leicht ansehen kann, daß er sich zum Gebieten fähiger dünkt. Deswegen wollen wir es ihnen verschweigen, sagte der Gehilfe. Man schmeichelt sich ins Leben hinein,  aber  das  Leben  schmeichelt  uns  nicht.  Wie  viel  Menschen  mögen  denn  das  freiwillig zugestehen, was sie am Ende doch müssen? Lassen wir aber diese Betrachtungen, die uns hier nicht berühren. Ich preise Sie glücklich, daß Sie bei Ihren Zöglingen ein richtiges Verfahren anwenden können. Wenn   Ihre   kleinsten   Mädchen   sich   mit   Puppen   herumtragen   und   einige   Läppchen   für   sie zusammenflicken,  wenn  ältere  Geschwister  alsdann  für  die  jüngern  sorgen  und  das  Haus  sich  in sich selbst bedient und aushilft: dann ist der weitere Schritt ins Leben nicht groß, und ein solches Mädchen findet bei ihrem Gatten, was sie bei ihren Eltern verließ. Aber in den gebildeten Ständen ist die Aufgabe sehr verwickelt. Wir haben auf höhere, zartere, feinere, besonders auf gesellschaftliche Verhältnisse Rücksicht zu  nehmen. Wir andern sollen daher unsre Zöglinge nach außen bilden; es ist notwendig, es ist unerlä ßlich und möchte recht gut sein, wenn man dabei nicht das Maß überschritte: denn indem man die Kinder für einen weiteren Kreis zu  bilden  gedenkt,  treibt  man  sie  leicht  ins  Grenzenlose,  ohne  im  Auge  zu  behalten,  was  denn eigentlich  die  innere  Natur  fordert.  Hier  liegt  die  Aufgabe,  welche  mehr  oder  weniger  von  den Erziehern gelöst oder verfehlt wird. Bei manchem, womit wir unsere Schülerinnen in der Pension ausstatten, wird mir bange, weil die Erfahrung mir sagt, von wie geringem Gebrauch es künftig sein werde. Was wird nicht gleich abgestreift,  was  nicht  gleich  der  Vergessenheit  überantwortet,  sobald  ein  Frauenzimmer  sich  im Stande der Hausfrau, der Mutter befindet! Indessen  kann  ich  mir  den  frommen  Wunsch  nicht  versagen,  da  ich  mich  einmal  diesem Geschäft gewidmet habe, daß es mir dereinst in Gesellschaft einer treuen Gehilfin gelingen möge, an meinen Zöglingen dasjenige rein auszubilden, was sie bedürfen, wenn  sie in das Feld eigener Tätigkeit und Selbständigkeit hinüberschreiten; daß ich mir sagen könnte: in diesem Sinne ist an ihnen die Erziehung vollendet. Freilich schließt sich eine andere immer wieder an, die beinahe mit jedem Jahre unsers Lebens, wo nicht von uns selbst, doch von den Umständen veranlaßt wird. Wie  wahr  fand  Ottilie  diese  Bemerkung!  Was  hatte  nicht  eine  ungeahnete  Leidenschaft  im vergangenen Jahr an ihr erzogen! was sah sie nicht alles für Prüfungen vor sich schweben, wenn sie nur aufs Nächste, aufs Nächstkünftige hinblickte! Der junge Mann hatte nicht ohne Vorbedacht einer Gehilfin, einer Gattin erwähnt: denn bei aller seiner  Bescheidenheit  konnte  er  nicht  unterlassen,  seine  Absichten  auf  eine  entfernte  Weise anzudeuten;  ja  er  war  durch  mancherlei  Umstände  und  Vorfälle  aufgeregt  worden,  bei  diesem Besuch einige Schritte seinem Ziele näher zu tun. Die Vorsteherin der Pension war bereits in Jahren, sie hatte sich unter ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon lange nach einer Person umgesehen, die eigentlich mit ihr in Gesellschaft träte, und zuletzt dem Gehilfen, dem sie zu vertrauen höchlich Ursache hatte, den Antrag getan: er solle mit ihr die Lehranstalt fortführen, darin als in dem Seinigen mitwirken und nach ihrem Tode 84
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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