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Die Wahlverwandtschaften

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Kinder  zu  Tage  gebracht,  und  ohne  daß  es  so  schien,  in  Zeit  von  weniger  als  einer  Stunde,  sie wirklich bedeutend unterrichtend gefördert. Wie   machen   Sie   das   nur?   sagte   Charlotte,   indem   die   Knaben   wegzogen.   Ich   habe   sehr aufmerksam zugehört; es sind nichts als ganz bekannte Dinge vorgekommen, und doch wüßte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, sie in so kurzer Zeit bei so vielen Hin- und Widerreden, in solcher Folge zur Sprache zu bringen. Vielleicht sollte man, versetzte der Gehilfe, aus den Vorteilen seines Handwerks ein Geheimnis machen. Doch kann ich Ihnen die ganz einfache Maxime nicht verbergen, nach der man dieses und noch viel mehr zu leisten vermag. Fassen Sie einen Gegenstand, eine Materie, einen Begriff, wie man  es  nennen  will;  halten  Sie  ihn  recht  fest;  machen  Sie  sich  ihn  in  allen  seinen  Teilen  recht deutlich, und dann wird es Ihnen leicht sein, gesprächsweise, an einer Masse Kinder zu erfahren, was  sich  davon  schon  in  ihnen  entwickelt  hat,  was  noch  anzuregen,  zu  überliefern  ist.  Die Antworten auf Ihre Fragen mögen noch so ungehörig sein, mögen noch so sehr ins Weite gehen, wenn nur sodann Ihre Gegenfrage Geist und Sinn wieder hereinwärts zieht, wenn Sie sich nicht von Ihrem   Standpunkte   verrücken   lassen;   so   müssen   die   Kinder   zuletzt   denken,   begreifen,   sich überzeugen, nur von dem, was und wie es der Lehrende will. Sein größter Fehler ist der, wenn er sich von den Lernenden mit in die Weite reißen läßt, wenn er sie nicht auf dem Punkte festzuhalten weiß, den er eben jetzt behandelt. Machen Sie nächstens einen Versuch und es wird zu Ihrer großen Unterhaltung dienen. Das ist artig, sagte Charlotte: die gute Pädagogik ist also gerade das Umgekehrte von der guten Lebensart.  In  der  Gesellschaft  soll  man  auf  nichts  verweilen,  und  bei  dem  Unterricht  wäre  das höchste Gebot, gegen alle Zerstreuung zu arbeiten. Abwechselung  ohne  Zerstreuung  wäre  für  Lehre  und  Leben  der  schönste  Wahlspruch,  wenn dieses löbliche Gleichgewicht nur so leicht zu erhalten wäre! sagte der Gehilfe, und wollte weiter fortfahren, als ihn Charlotte aufrief, die Knaben nochmals zu betrachten, deren munterer Zug sich überall über den Hof bewegte. Er bezeigte seine Zufriedenheit, daß  man die Kinder in Uniform zu gehen  anhalte.  Männer  –  so  sagte  er  –  sollten  von  Jugend  auf  Uniform  tragen,  weil  sie  sich gewöhnen  müssen,  zusammen  zu  handeln,  sich  unter  ihresgleichen  zu  verlieren,  in  Masse  zu gehorchen  und  ins  Ganze  zu  arbeiten.  Auch  befördert  jede  Art  von  Uniform  einen  militärischen Sinn, sowie ein knapperes, strackeres Betragen, und alle Knaben sind ja ohnehin geborne Soldaten: man sehe nur ihre Kampf- und Streitspiele, ihr Erstürmen und Erklettern. So  werden  Sie  mich  dagegen  nicht  tadeln,  versetzte  Ottilie,  daß  ich  meine  Mädchen  nicht überein kleide. Wenn ich sie Ihnen vorführe, hoffe ich Sie durch ein buntes Gemisch zu ergötzen. Ich billige das sehr, versetzte jener. Frauen sollten durchaus mannigfaltig gekleidet gehen; jede nach  eigner  Art  und  Weise,  damit  eine  jede  fühlen lernte, was ihr eigentlich gut stehe und wohl zieme.  Eine  wichtigere  Ursache  ist  noch  die:  weil  sie  bestimmt  sind,  ihr  ganzes  Leben  allein  zu stehen und allein zu handeln. Das scheint mir sehr paradox, versetzte Charlotte, sind wir doch fast niemals für uns. O  ja!  versetzte  der  Gehilfe,  in  Absicht  auf  andere  Frauen  ganz  gewiß.  Man  betrachte  ein Frauenzimmer  als  Liebende,  als  Braut,  als  Frau,  Hausfrau  und  Mutter,  immer  steht  sie  isoliert, immer ist sie allein und will allein sein. Ja die Eitle selbst ist in dem Falle. Jede Frau schließt die andre aus, ihrer Natur nach: denn von jeder wird alles gefordert, was de m ganzen Geschlechte zu leisten obliegt. Nicht so verhält es sich mit den Männern. Der Mann verlangt den Mann; er würde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen  gäbe: eine Frau könnte eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihresgleichen hervorzubringen. Man darf, sagte Charlotte, das Wahre nur wunderlich sagen, so scheint zuletzt das Wunderliche auch wahr. Wir wollen uns aus Ihren Bemerkungen das Beste herausnehmen und doch als Frauen mit  Frauen  zusammenhalten  und  auch  gemeinsam  wirken,  um  den  Männern  nicht  allzugroße Vorzüge über uns einzuräumen. Ja, Sie werden uns eine kleine Schadenfreude nicht übelnehmen, die  wir  künftig  um  desto  lebhafter  empfinden  müssen,  wenn  sich  die  Herren  untereinander  auch nicht sonderlich vertragen. 83
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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