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Die Wahlverwandtschaften

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Engeln fehlte es nicht, deren eigener Schein von dem göttlichen verdunkelt, deren ätherischer Leib vor dem göttlich-menschlichen verdichtet und lichtsbedürftig schien. Glücklicherweise  war  das  Kind  in  der  anmutigsten  Stellung  eingeschlafen,  so  daß  nichts  die Betrachtung  störte,  wenn  der  Blick  auf  der  scheinbaren  Mutter  verweilte,  die  mit  unendlicher Anmut  einen  Schleier  aufgehoben  hatte,  um  den  verborgenen  Schatz  zu  offenbaren.  In  diesem Augenblick schien das Bild festgehalten und erstarrt zu sein. Physisch geblendet, geistig überrascht, schien das umgebende Volk sich eben bewegt zu haben, um die getroffnen Augen wegzuwenden, neugierig  erfreut  wieder  hinzublinzen  und  mehr  Verwunderung  und  Lust,  als  Bewunderung  und Verehrung   anzuzeigen;   obgleich   diese   auch   nicht   vergessen   und   einigen   ältern   Figuren   der Ausdruck derselben übertragen war. Ottiliens Gestalt, Gebärde, Miene, Blick übertraf aber alles, was je ein Maler dargestellt hat. Der gefühlvolle Kenner, der diese Erscheinung gesehen hätte, wäre in Furcht geraten, es möge sich nur irgend etwas bewegen, er wäre in Sorge gestanden, ob ihm jemals etwas wieder so gefallen könne. Unglücklicherweise  war  niemand  da,  der  diese  ganze  Wirkung  aufzufassen  vermocht  hätte.  Der Architekt  allein,  der  als  langer  schlanker  Hirt  von  der  Seite  über  die  Knienden  hereinsah,  hatte, obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt, noch den größten Genuß. Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen Himmelskönigin? Die reinste Demut, das liebenswürdigste Gefühl von    Bescheidenheit    bei    einer    großen,    unverdient    erhaltenen    Ehre,    einem    unbegreiflich unermeßlichen Glück, bildete sich in ihren Zügen, sowohl indem sich ihre eigene Empfindung, als indem sich die Vorstellung ausdrückte, die sie sich von dem machen konnte, was sie spielte. Charlotten erfreute das schöne Gebilde, doch wirkte hauptsächlich das Kind auf sie. Ihre Augen strömten  von  Tränen,  und  sie  stellte  sich  auf  das  lebhafteste  vor,  daß  sie  ein  ähnliches  liebes Geschöpf bald auf ihrem Schoße zu hoffen habe. Man  hatte  den  Vorhang  niedergelassen,  teils  um  den  Vorstellenden  einige  Erleichterung  zu geben,   teils   eine   Veränderung   in   dem   Dargestellten   anzubringen.   Der   Künstler   hatte   sich vorgenommen, das erste Nacht- und Niedrigkeitsbild in ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln, und  deswegen  von  allen  Seiten  eine  unmäßige  Erleuchtung  vorbereitet,  die  in  der  Zwischenzeit angezündet wurde. Ottilien war in ihrer halb theatralischen Lage bisher die größte Beruhigung gewesen, daß außer Charlotten  und  wenigen  Hausgenossen  niemand  dieser  frommen  Kunstmummerei  zugesehen.  Sie wurde  daher  einigermaßen  betroffen,  als  sie  in  der  Zwischenzeit  vernahm,  es  sei  ein  Fremder angekommen, im Saale von Charlotten freundlich begrüßt. Wer es war, konnte man ihr nicht sagen. Sie  ergab  sich  darein,  um  keine  Störung  zu  verursachen.  Lichter  und  Lampen  brannten  und  eine ganz   unendliche   Hellung   umgab   sie.   Der   Vorhang   ging   auf,   für   die   Zuschauenden   ein überraschender  Anblick:  das  ganze  Bild  war  alles  Licht,  und  statt  des  völlig  aufgehobenen Schattens  blieben  nur  die  Farben  übrig,  die  bei  der  klugen  Auswahl  eine  liebliche  Mäßigung hervorbrachten.    Unter    ihren    langen    Augenwimpern    hervorblickend    bemerkte    Ottilie    eine Mannsperson  neben  Charlotten  sitzend.  Sie  erkannte  ihn  nicht,  aber  sie  glaubte  die  Stimme  des Gehilfen  aus  der  Pension  zu  hören.  Eine  wunderbare  Empfindung  ergriff  sie.  Wie  vieles  war begegnet, seitdem sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht vernommen! Wie im zackigen Blitz fuhr  die  Reihe  ihrer  Freuden  und  Leiden  schnell  vor  ihrer  Seele  vorbei  und  regte  die  Frage  auf: darfst  du  ihm  alles  bekennen  und  gestehen?  Und  wie  wenig  wert  bist  du,  unter  dieser  heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen, und wie seltsam muß es ihm vorkommen, dich, die er nur natürlich gesehen, als Maske zu erblicken? Mit einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten Gefühl und Betrachtung in ihr gegeneinander. Ihr Herz war befangen, ihre Augen füllten sich mit Tränen, indem sie sich zwang, immerfort als ein starres Bild zu erscheinen; und wie froh war sie, als der Knabe  sich  zu  regen  anfing  und  der  Künstler  sich  genötiget  sah,  das  Zeichen  zu  geben,  daß  der Vorhang wieder fallen sollte. Hatte das peinliche Gefühl, einem werten Freunde nicht entgegen eilen zu können, sich schon die  letzten  Augenblicke  zu  den  übrigen  Empfindungen  Ottiliens  gesellt,  so  war  sie  jetzt  in  noch größerer Verlegenheit, Sollte sie in diesem fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn? sollte sie  sich  umkleiden?  Sie  wählte  nicht,  sie  tat  das  letzte  und  suchte  sich  in  der  Zwischenzeit 81
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
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