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Die Wahlverwandtschaften

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Habe ich Sie nicht auch manchmal, fragte Ottilie, in solche Verlegenheit gesetzt? habe ich nicht etwa Ihre Schätze, ohne es zu ahnen, gelegentlich einmal beschädigt? Niemals,  versetzte  der  Architekt:  niemals!  Ihnen  wäre  es  unmöglich:  das  Schickliche  ist  mit Ihnen geboren. Auf alle Fälle, versetzte Ottilie, wäre es nicht übel, wenn man künftig in das Büchlein von guten Sitten, nach den Kapiteln, wie man sich in Gesellschaft beim Essen und Trinken benehmen soll, ein recht umständliches einschöbe, wie man sich in Kunstsammlungen und Museen zu betragen habe. Gewiß,  versetzte  der  Architekt,  würden  alsdann  Kustoden  und  Liebhaber  ihre  Seltenheiten fröhlicher mitteilen. Ottilie hatte ihm schon lange verziehen; als er sich aber den Vorwurf sehr zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte, daß er gewiß gerne mitteile, gern für Freunde tätig sei, so empfand sie, daß sie sein zartes Gemüt verletzt habe, und fühlte sich als seine Schuldnerin. Nicht wohl konnte sie ihm daher eine Bitte rund abschlagen, die er in Gefolg dieses Gesprächs an sie tat, ob sie gleich, indem sie schnell ihr Gefühl zu Rate zog, nicht einsah, wie sie ihm seine Wünsche gewähren könne. Die     Sache     verhielt     sich     also.     Daß     Ottilie     durch     Lucianens     Eifersucht     von     den Gemäldedarstellungen ausgeschlossen worden, war ihm höchst empfindlich gewesen; daß Charlotte diesem glänzenden Teil der geselligen Unterhaltung nur unterbrochen beiwohnen können, weil sie sich  nicht  wohl  befand,  hatte  er  gleichfalls  mit  Bedauern  bemerkt:  nun  wollte  er  sich  nicht entfernen, ohne seine Dankbarkeit auch dadurch zu beweisen, daß er zur Ehre der einen und zur Unterhaltung der andern eine weit schönere Darstellung veranstaltete,  als die bisherigen gewesen waren. Vielleicht kam hiezu, ihm selbst unbewußt, ein andrer geheimer Antrieb: es ward ihm so schwer, dieses Haus, diese Familie zu verlassen, ja es schien ihm unmöglich, von Ottiliens Augen zu scheiden, von deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast ganz allein gelebt hatte. Die  Weihnachtsfeiertage  nahten  sich,  und  es  wurde  ihm  auf  einmal  klar,  daß  eigentlich  jene Gemäldedarstellungen  durch  runde  Figuren  von  dem  sogenannten  Präsepe  ausgegangen,  von  der frommen  Vorstellung,  die  man  in  dieser  heiligen  Zeit  der  göttlichen  Mutter  und  dem  Kinde widmete, wie sie in ihrer scheinbaren Niedrigkeit erst von Hirten, bald darauf von Königen verehrt werden. Er  hatte  sich  die  Möglichkeit  eines  solchen  Bildes  vollkommen  vergegenwärtigt.  Ein  schöner frischer  Knabe  war  gefunden;  an  Hirten  und  Hirtinnen  konnte  es  auch  nicht  fehlen;  aber  ohne Ottilien  war  die  Sache  nicht  auszuführen.  Der  junge  Mann  hatte  sie  in  seinem  Sinne  zur  Mutter Gottes erhoben, und wenn sie es abschlug, so war bei ihm keine Frage, daß das Unternehmen fallen müsse.  Ottilie,  halb  verlegen  über  seinen  Antrag,  wies  ihn  mit  seiner  Bitte  an  Charlotten.  Diese erteilte  ihm  gern  die  Erlaubnis,  und  auch  durch  sie  ward  die  Scheu  Ottiliens,  sich  jener  heiligen Gestalt  anzumaßen,  auf  eine  freundliche  Weise  überwunden.  Der  Architekt  arbeitete  Tag  und Nacht, damit am Weihnachtsabend nichts fehlen möge. Und  zwar  Tag  und  Nacht  im  eigentlichen  Sinne.  Er  hatte  ohnehin  wenig  Bedürfnisse,  und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu sein; indem er um ihretwillen arbeitete, war es,  als  wenn  er  keines  Schlafs,  indem  er  sich  um  sie  beschäftigte,  keiner  Speise  bedürfte.  Zur feierlichen   Abendstunde   war   deshalb   alles   fertig   und   bereit.   Es   war   ihm   möglich   gewesen, wohltönende Blasinstrumente zu versammeln, welche die Einleitung machten und die gewünschte Stimmung hervorzubringen wußten. Als der Vorhang sich hob, war Charlotte wirklich überrascht. Das  Bild,  das  sich  ihr  vorstellte,  war  so  oft  in  der  Welt  wiederholt,  daß  man  kaum  einen  neuen Eindruck davon erwarten sollte. Aber hier hatte die Wirklichkeit als Bild ihre besondern Vorzüge. Der ganze Raum war eher nächtlich als dämmernd, und doch nichts undeutlich im einzelnen der Umgebung.   Den   unübertrefflichen   Gedanken,   daß   alles   Licht   vom   Kinde   ausgehe,   hatte   der Künstler  durch  einen  klugen  Mechanismus  der  Beleuchtung  auszuführen  gewußt,  der  durch  die beschatteten, nur von Streiflichtern erleuchteten Figuren im Vordergrunde zugedeckt wurde. Frohe Mädchen und Knaben standen umher; die frischen Gesichter scharf von unten beleuchtet. Auch an 80
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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