Titel:

Die Wahlverwandtschaften

Startseite
english
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< Anfang     < Zurück     Index     Weiter >     Ende >>|
  Wir empfehlen:       
 

Ganzen können wir vieles aufopfern, aber uns im Einzelnen herzugeben, ist eine Forderung, der wir selten gewachsen sind. So war meine Mutter. So lange ich als Knabe oder Jüngling bei ihr lebte, konnte  sie  der  augenblicklichen  Besorgnisse  nicht  los  werden.  Verspät ete  ich  mich  bei  einem Ausritt, so mußte mir ein Unglück begegnet sein; durchnetzte mich ein Regenschauer, so war das Fieber   mir   gewiß.   Ich   verreiste,   ich   entfernte   mich   von   ihr,   und   nun   schien   ich   ihr   kaum anzugehören. Betrachten wir es genauer, fuhr er fort, so handeln wir beide töricht und unverantwortlich, zwei der edelsten Naturen, die unser Herz so nahe angehen, im Kummer und im Druck zu lassen, nur um uns keiner Gefahr auszusetzen. Wenn dies nicht selbstsüchtig genannt werden soll, was will man so nennen! Nimm Ottilien, laß mir den Hauptmann, und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht! Es möchte noch zu wagen sein, sagte Charlotte bedenklich, wenn die Gefahr für uns allein wäre. Glaubst du denn aber, daß es rätlich sei, den Hauptmann mit Ottilien als Hausgenossen zu sehen, einen  Mann  ungefähr  in  deinen  Jahren,  in  den  Jahren  –  daß  ich  dir  dieses  Schmeichelhafte  nur gerade unter die Augen sage – wo der Mann erst liebefähig und erst der Liebe wert wird, und ein Mädchen von Ottiliens Vorzügen? Ich weiß doch auch nicht, versetzte Eduard, wie du Ottilien so hoch stellen kannst! Nur dadurch erkläre ich mir’s, daß sie deine Neigung zu ihrer Mutter geerbt hat. Hübsch ist sie, das ist wahr, und ich  erinnre  mich,  daß  der  Hauptmann  mich  auf  sie  aufmerksam  machte,  als  wir  vor  einem  Jahre zurückkamen  und  sie  mit  dir  bei  deiner  Tante  trafen.  Hübsch  ist  sie,  besonders  hat  sie  schöne Augen; aber ich wüßte doch nicht, daß sie den mindesten Eindruck auf mich gemacht hätte. Das ist löblich an dir, sagte Charlotte, denn ich war ja gegenwärtig; und ob sie gleich viel jünger ist als ich, so hatte doch die Gegenwart der ältern Freundin so viele Reize für dich, daß du über die aufblühende  versprechende  Schönheit  hinaussahest.  Es  gehört  auch  dies  zu  deiner  Art  zu  sein, deshalb ich so gern das Leben mit dir teile. Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas. Sie hatte nämlich damals dem  von  Reisen  zurückkehrenden  Eduard  Ottilien  absichtlich  vorgeführt,  um  dieser  geliebten Pflegetochter eine so große Partie zuzuwenden: denn an sich selbst, in Bezug auf Eduard, dachte sie nicht mehr. Der Hauptmann war auch angestiftet,  Eduarden aufmerksam zu machen; aber dieser, der seine frühe Liebe zu Charlotten hartnäckig im Sinne behielt, sah weder rechts noch links, und war nur glücklich in dem Gefühl, daß es möglich sei, eines so lebhaft gewünschten und durch eine Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten Gutes endlich doch teilhaft zu werden. Eben stand das Ehepaar im Begriff, die neuen Anlagen herunter nach dem Schlosse zu gehen, als ein Bedienter ihnen hastig entgegen stieg und mit lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen ließ. Kommen Euer Gnaden doch ja schnell herüber! Herr Mittler ist in den Schloßhof gesprengt. Er hat uns alle zusammengeschrieen, wir sollen Sie aufsuchen, wir sollen Sie fragen, ob es not tue? Ob es not tut, rief er uns nach: hört ihr? aber geschwind, geschwind! Der   drollige   Mann!   rief   Eduard   aus,   kommt   er   nicht   gerade   zur   rechten   Zeit,   Charlotte? Geschwind zurück! befahl er dem Bedienten: sage ihm: es tue not, sehr not! Er soll nur absteigen. Versorgt sein Pferd, führt ihn in den Saal, setzt ihm ein Frühstück vor; wir kommen gleich. Laß  uns  den  nächsten  Weg  nehmen,  sagte  er  zu  seiner  Frau,  und  schlug  den  Pfad  über  den Kirchhof  ein,  den  er  sonst  zu  vermeiden  pflegte.  Aber  wie  verwundert  war  er,  als  er  fand,  daß Charlotte auch hier für das Gefühl gesorgt  habe. Mit möglichster Schonung der alten Denkmäler hatte sie alles so zu vergleichen und zu ordnen gewußt, daß es ein angenehmer Raum erschien, auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten. Auch dem ältesten Stein hatte sie seine Ehre gegönnt. Den Jahren nach waren sie an der Mauer aufgerichtet,   eingefügt   oder   sonst   angebracht;   der   hohe   Sockel   der   Kirche   selbst   war   damit vermannigfaltigt  und  geziert.  Eduard  fühlte  sich  sonderbar  überrascht,  wie  er  durch  die  kleine Pforte hereintrat; er drückte Charlotten die Hand und im Auge stand ihm eine Träne. Aber der närrische Gast verscheuchte sie gleich. Denn dieser hatte keine Ruh im Schoß gehabt, war spornstreichs durchs Dorf bis an das Kirchhoftor geritten, wo er still hielt und seinen Freunden entgegen rief: Ihr habt mich doch nicht zum besten? Tut’s wirklich not, so bleibe ich zu Mittage hier. Haltet mich nicht auf: ich habe heute noch viel zu tun. 8
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< Anfang     < Zurück     Index     Weiter >     Ende >>| 

Zurück zu Themenseiten:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

Das Setzen von Verweisen (Links) auf diese Seite ist gestattet und bedarf keine vorherige Absprache.
   
  Startseite  |  english  |  Bookmark setzen  |  Webseite weiterempfehlen  |  Impressum