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Die Wahlverwandtschaften

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aus ihrer Reiseapotheke, die sie beständig im Wagen mit sich führte, energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich vermuten läßt, gelang oder mißlang, wie es der Zufall herbeiführte. In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und ließ sich gar nicht einreden, weil sie fest  überzeugt  war,  daß  sie  vortrefflich  handle.  Allein  es  mißriet  ihr  auch  ein  Versuch  von  der sittlichen Seite, und dieser war es, der Charlotten viel zu schaffen machte, weil er Folgen hatte und jedermann  darüber  sprach.  Erst  nach  Lucianens  Abreise  hörte  sie  davon;  O ttilie,  die  gerade  jene Partie mitgemacht hatte, mußte ihr umständlich davon Rechenschaft geben. Eine der Töchter eines angesehenen Hauses hatte das Unglück gehabt, an dem Tode eines ihrer jüngeren Geschwister schuld zu sein und sich darüber nicht beruhigen noch wieder finden können. Sie  lebte  auf  ihrem  Zimmer  beschäftigt  und  still  und  ertrug  selbst  den  Anblick  der  Ihrigen  nur, wenn sie einzeln kamen; denn sie argwohnte sogleich, wenn mehrere beisammen waren, daß man untereinander über sie und ihren Zustand reflektiere. Gegen jedes allein äußerte sie sich vernünftig und unterhielt sich stundenlang mit ihm. Luciane  hatte  davon  gehört  und  sich  sogleich  im  stillen  vorgenommen,  wenn  sie  in  das  Haus käme,  gleichsam  ein  Wunder  zu  tun  und  das  Frauenzimmer  der  Gesellschaft  wiederzugeben.  Sie betrug sich dabei vorsichtiger als sonst, wußte sich allein bei der Seelenkranken einzuführen, und soviel man merken konnte, durch Musik ihr Vertrauen zu gewinnen. Nur zuletzt versah sie es: denn eben  weil  sie  Aufsehn  erregen  wollte,  so  brachte  sie  das  schöne  blasse  Kind,  das  sie  genug vorbereitet wähnte, eines Abends plötzlich in die bunte glänzende Gesellschaft; und vielleicht wäre auch  das  noch  gelungen,  wenn  nicht  die  Sozietät  selbst,  aus  Neugierde  und  Apprehension,  sich ungeschickt benommen, sich um die Kranke versammelt, sie wieder gemieden, sie durch Flüstern, Köpfezusammenstecken irre gemacht und aufgeregt hätte. Die zart Empfindende ertrug das nicht. Sie entwich unter fürchterlichem Schreien, das  gleichsam ein Entsetzen vor einem eindringenden Ungeheuren auszudrücken schien. Erschreckt fuhr die Gesellschaft nach allen Seiten auseinander, und Ottilie war unter denen, welche die völlig Ohnmächtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten. Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die Gesellschaft gehalten, ohne im  mindesten  daran  zu  denken,  daß  sie  allein  alle  Schuld  habe,  und  ohne  sich  durch  dieses  und andres Mißlingen von ihrem Tun und Treiben abhalten zu lassen. Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden, ja da s Übel hatte sich so gesteigert,   daß   die   Eltern   das   arme   Kind   nicht   im   Hause   behalten   konnten,   sondern   einer öffentlichen  Anstalt  überantworten  mußten.  Charlotten  blieb  nichts  übrig,  als  durch  ein  besonder zartes Benehmen gegen jene Familie den von ihrer Tochter verursachten Schmerz einigermaßen zu lindern.  Auf  Ottilien  hatte  die  Sache  einen  tiefen  Eindruck  gemacht;  sie  bedauerte  das  arme Mädchen um so mehr, als sie überzeugt war, wie sie auch gegen Charlotten nicht leugnete, daß bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewiß herzustellen gewesen w äre. So  kam  auch,  weil  man  sich  gewöhnlich  vom  vergangenen  Unangenehmen  mehr  als  vom Angenehmen  unterhält,  ein  kleines  Mißverständnis  zur  Sprache,  das  Ottil ien  an  dem Architekten irre gemacht hatte, als er jenen Abend seine Sammlung nicht vorzeigen wollte, ob sie ihn gleich so freundlich darum ersuchte. Es war ihr dieses abschlägige Betragen immer in der Seele geblieben und sie wußte selbst nicht warum. Ihre Empfindungen waren sehr richtig: denn was ein Mädchen wie  Ottilie  verlangen  kann,  sollte  ein  Jüngling  wie  der  Architekt  nicht  versagen.  Dieser  brachte jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwürfe ziemlich gültige Entschuldigungen zur Sprache. Wenn  Sie  wüßten,  sagte  er,  wie  roh  selbst  gebildete  Menschen  sich  gegen  die  schätzbarsten Kunstwerke  verhalten,  Sie  würden  mir  verzeihen,  wenn  ich  die  meinigen  nicht  unter  die  Menge bringen mag. Niemand weiß eine Medaille am Rand anzufassen; sie betasten das schönste Gepräge, den reinsten Grund, lassen die köstlichsten Stücke zwischen dem Daumen und Zeigefinger hin- und hergehen, als wenn man Kunstformen auf diese Weise prüfte. Ohne daran zu denken, daß man ein großes Blatt mit zwei Händen anfassen müsse, greifen sie mit einer Hand nach einem unschätzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen Zeichnung, wie ein anmaßlicher Politiker eine Zeitung faßt und durch  das  Zerknittern  des  Papiers  schon  im  voraus  sein  Urteil  über  die  Weltbegebenheiten  zu erkennen  gibt.  Niemand  denkt  daran,  daß  wenn  nur  zwanzig  Menschen  mit  einem  Kunstwerke hintereinander eben so verführen, der einundzwanzigste nicht mehr viel daran zu sehen hätte. 79
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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