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Die Wahlverwandtschaften

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überraschen wollte. Es war die bekannte Vorstellung von Poussin: Ahasverus und Esther. Diesmal hatte sich Luciane besser bedacht. Sie entwickelte in der ohnmächtig hingesunkenen Königin alle ihre  Reize,  und  hatte  sich  kluger  Weise  zu  den  umgebenden  unterstützenden  Mädchen  lauter hübsche  wohlgebildete  Figuren  ausgesucht,  worunter  sich  jedoch  keine   mit  ihr  auch  nur  im mindesten messen konnte. Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den übrigen ausgeschlossen. Auf den goldnen Thron hatte sie, um den zeusgleichen König vorzustellen, den rüstigsten und schönsten Mann der Gesellschaft gewählt, so daß dieses Bild wirklich eine unvergleichliche Vollkommenheit gewann. Als drittes hatte man die sogenannte väterliche Ermahnung von Terborch gewählt, und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille von diesem Gemälde? Einen Fuß über den andern geschlagen,  sitzt  ein  edler  ritterlicher  Vater  und  scheint  seiner  vor  ih m stehenden  Tochter  ins Gewissen zu reden. Diese, eine herrliche Gestalt, im faltenreichen weißen Atlaskleide, wird zwar nur von hinten gesehen, aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeuten, daß sie sich zusammennimmt. Daß jedoch die Ermahnung nicht heftig und beschämend sei, sieht man aus der Miene und Gebärde des  Vaters;  und  was  die  Mutter  betrifft,  so  scheint  diese  eine  kleine  Verlegenheit  zu  verbergen, indem sie in ein Glas Wein blickt, das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist. Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze erscheinen. Ihre Zöpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken, waren über alle Begriffe schön, und die Taille, von der bei den   modernen   antikisierenden   Bekleidungen   der   Frauenzimmer   wenig   sichtbar   wird,   höchst zierlich, schlank und leicht, zeigte sich an ihr in dem älteren Kostüm äußerst vorteilhaft; und der Architekt  hatte  gesorgt,  die  reichen  Falten  des  weißen  Atlasses  mit  der  künstlichsten  Natur  zu legen,  so  daß  ganz  ohne  Frage  diese  lebendige  Nachbildung  weit  über  jenes  Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzücken erregte. Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der Rückseite  gesehen,  auch  ins  Angesicht  zu  schauen,  nahm  dergestalt  überhand,  daß  ein  lustiger ungeduldiger  Vogel  die  Worte,  die  man  manchmal  an  das  Ende  einer  Seite  zu  schreiben  pflegt: tournez  s’il  vous  plaît,  laut  ausrief  und  eine  allgemeine  Beistimmung  erregte.  Die  Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und hatten den Sinn dieser Kunststücke zu wohl gefaßt, als daß sie  dem  allgemeinen  Ruf  hätten  nachgeben  sollen.  Die  beschämt  scheinende  Tochter  blieb  ruhig stehen, ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gönnen; der Vater blieb in seiner ermahnenden Stellung sitzen, und die Mutter brachte Nase und Augen nicht aus dem durchsichtigen Glase, worin sich, ob sie gleich zu trinken schien, der Wein nicht verminderte. – Was sollen wir noch    viel    von    kleinen    Nachstücken    sagen,    wozu    man    niederländische    Wirtshaus-    und Jahrmarktsszenen gewählt hatte? Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen in den ersten glü cklichen Wochen ihrer nahen    Verbindung    wiederzukehren,    und    Charlotte    hoffte    nunmehr,    nach    zwei    mühsam überstandenen Monaten, die übrige Gesellschaft gleichfalls loszuwerden. Sie war des Glücks ihrer Tochter gewiß, wenn bei dieser der erste Braut- und Jugendtaumel sich würde gelegt haben: denn der Bräutigam hielt sich für den glücklichsten Menschen von der Welt. Bei großem Vermögen und gemäßigter  Sinnesart  schien  er  auf  eine  wunderbare  Weise  von  dem  Vorzuge  geschmeichelt,  ein Frauenzimmer  zu  besitzen,  das  der  ganzen  Welt  gefallen  mußte.  Er  hatte  einen  so  ganz  eigenen Sinn,  alles  auf  sie  und  erst  durch  sie  auf  sich  zu  beziehen,  daß  es  ihm  eine  unangenehme Empfindung machte, wenn sich nicht gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie richtete, und mit ihm, wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders von älteren Personen oft geschah, eine nähere Verbindung suchte, ohne sich sonderlich um sie zu bekümmern. Wegen des  Architekten  kam  es  bald  zur  Richtigkeit.  Aufs  Neujahr  sollte  ihm  dieser  folgen  und  das Karneval  mit  ihm  in  der  Stadt  zubringen,  wo  Luciane  sich  von  der  Wiederholung  der  so  schön eingerichteten Gemälde sowie von hundert andern Dingen die größte Glückseligkeit versprach, um so  mehr  als  Tante  und  Bräutigam  jeden  Aufwand  für  gering  zu  achten  schienen,  der  zu  ihrem Vergnügen erfordert wurde. Nun  sollte  man  scheiden,  aber  das  konnte  nicht  auf  eine  gewöhnliche  Weise  geschehen.  Man scherzte  einmal  ziemlich  laut,  daß  Charlottens  Wintervorräte  nun  bald  aufgezehrt  seien,  als  der 76
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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