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Die Wahlverwandtschaften

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wußte nicht, wie ihm geworden war, und wirklich fing er von diesem Augenblick ein neues Leben an. Vielleicht  sollte  man  denken,  ein  solches  Betragen  wäre  dem  Bräutigam  mißfällig  gewesen; allein es fand sich das Gegenteil. Er rechnete ihr diese Bemühungen zu großem Verdienst an, und war um so mehr darüber ganz ruhig, als er ihre fast übertriebenen Eigenheiten kannte, wodurch sie alles, was im mindesten verfänglich schien, von sich abzulehnen wußte. Sie wollte  mit jedermann nach  Belieben  umspringen,  jeder  war  in  Gefahr,  von  ihr  einmal  angestoßen,  gezerrt  oder  sonst geneckt  zu  werden;  niemand  aber  durfte  sich  gegen  sie  ein  Gleiches  erlauben,  niemand  sie  nach Willkür  berühren,  niemand,  auch  nur  im  entferntesten  Sinne,  eine  Freiheit,  die  sie  sich  nahm, erwidern; und so hielt sie die andern in den strengsten Grenzen der Sitt lichkeit gegen sich, die sie gegen andere jeden Augenblick zu übertreten schien. Überhaupt hätte man glauben können, es sei bei ihr Maxime gewesen, sich dem Lobe und dem Tadel, der Neigung und der Abneigung gleichmäßig auszusetzen. Denn wenn sie die Menschen auf mancherlei  Weise  für  sich  zu  gewinnen  suchte,  so  verdarb  sie  es  wieder  mit  ihnen  gewöhnlich durch  eine  böse  Zunge,  die  niemanden  schonte.  So  wurde  kein  Besuch  in  der  Nachbarschaft abgelegt,    nirgends    sie    und    ihre    Gesellschaft    in    Schlössern    und    Wohnungen    freundlich aufgenommen,  ohne  daß  sie  bei  der  Rückkehr  auf  das  ausgelassenste  merken  ließ,  wie  sie  alle menschlichen  Verhältnisse  nur  von  der  lächerlichen  Seite  zu  nehmen  geneigt  sei.  Da  waren  drei Brüder, welche unter lauter Komplimenten, wer zuerst heiraten sollte, das Alter übereilt hatte; hier eine kleine junge Frau mit einem großen alten Manne; dort umgekehrt ein kleiner munterer Mann und eine unbehilfliche Riesin. In dem einen Hause stolperte man bei jedem Schritt über ein Kind; das   andre   wollte   ihr   bei   der   größten   Gesellschaft   nicht   voll   erscheinen,   weil   keine   Kinder gegenwärtig waren. Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen, damit doch wieder einmal jemand  im  Hause  zum  Lachen  käme,  da  ihnen  keine  Noterben  gegeben  waren.  Junge  Eheleute sollten reisen, weil das Haushalten sie gar nicht kleide. Und wie mit den Personen, so machte sie es auch  mit  den  Sachen,  mit  den  Gebäuden,  wie  mit  dem  Haus-  und  Tischgeräte.  Besonders  alle Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen. Von dem ältesten Hautelisseteppich bis zu der neuesten Papiertapete, vom ehrwürdigsten Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich, eins  wie  das  andre  mußte  leiden,  eins  wie  das  andre wurde durch ihre spöttischen Bemerkungen gleichsam  aufgezehrt,  so  daß  man  sich  hätte  verwundern  sollen,  wie  fünf  Meilen  umher  irgend etwas nur noch existierte. Eigentliche  Bosheit  war  vielleicht  nicht  in  diesem  verneinenden  Bestreben;  ein  selbstischer Mutwille  mochte  sie  gewöhnlich  anreizen,  aber  eine  wahrhafte  Bitterkeit  hatte  sich  in  ihrem Verhältnis zu Ottilien erzeugt. Auf die ruhige ununterbrochene Tätigkeit des lieben Kindes, die von jedermann bemerkt und gepriesen wurde, sah sie mit Verachtung herab; und als zur Sprache kam, wie  sehr  sich  Ottilie  der  Gärten  und  der  Treibhäuser  annehme,  spottete  sie  nicht  allein  darüber, indem sie, uneingedenk des tiefen Winters, in dem man lebte, sich zu verwundern schien, daß man weder Blumen noch Früchte gewahr werde; sondern sie ließ auch von nun an so  viel Grünes, so viel Zweige  und  was  nur  irgend  keimte,  herbeiholen  und  zur  täglichen  Zierde  der  Zimmer  und  des Tisches verschwenden, daß Ottilie und der Gärtner nicht wenig gekränkt waren, ihre Hoffnungen für das nächste Jahr und vielleicht auf längere Zeit zerstör t zu sehen. Ebensowenig   gönnte   sie   Ottilien   die   Ruhe   des   häuslichen   Ganges,   worin   sie   sich   mit Bequemlichkeit fortbewegte. Ottilie sollte mit auf die Lust- und Schlittenfahrten; sie sollte mit auf die Bälle, die in der Nachbarschaft veranstaltet wurden; sie sollte weder Schnee noch Kälte noch gewaltsame Nachtstürme scheuen, da ja so viel andre nicht davon stürben. Das zarte Kind litt nicht wenig  darunter,  aber  Luciane  gewann  nichts  dabei:  denn  obgleich  Ottilie  sehr  einfach  gekleidet ging, so war sie doch, oder so schien sie wenigstens immer den Männern die schönste. Ein sanftes Anziehen versammelte alle Männer um sie her, sie mochte sich in den großen Räumen am ersten oder am letzten Platze befinden, ja der Bräutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr, und zwar um so mehr, als er in einer Angelegenheit, die ihn beschäftigte, ihren Rat, ihre Mitwirkung verlangte. 73
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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