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Die Wahlverwandtschaften

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Einem bejahrten Manne verdachte man, daß er sich noch um junge Frauenzimmer bemühte. Es ist das einzige Mittel, versetzte er, sich zu verjüngen, und das will  doch jedermann. Man läßt sich seine Mängel vorhalten, man läßt sich strafen, man leidet manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man sie ablegen soll. Gewisse  Mängel  sind  notwendig  zum  Dasein  des  einzelnen.  Es  würde  uns  unangenehm  sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten. Man sagt: er stirbt bald, wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut. Was  für  Mängel  dürfen  wir  behalten,  ja  an  uns  kultivieren?  Solche,  die  den  andern  eher schmeicheln als sie verletzen. Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte. Unsre  Leidenschaften  sind  wahre  Phönixe.  Wie  der  alte  verbrennt,  steigt  der  neue  sogleich wieder aus der Asche hervor. Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung. Was sie heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich. Die  Leidenschaft  erhöht  und  mildert  sich  durchs  Bekennen.  In  nichts  wäre  die  Mittelstraße vielleicht wünschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen die, die wir lieben. Fünftes Kapitel So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor sich her. Ihr Hofstaat vermehrte  sich  täglich,  teils  weil  ihr  Treiben  so  manchen  anregte  und  anzog,  teils  weil  sie  sich andre durch Gefälligkeit und Wohltun zu verbinden wußte. Mitteilend war sie im höchsten Grade: denn da ihr durch die Neigung der Tante und des Bräutigams so viel Schönes und Köstliches auf einmal zugeflossen war, so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu kennen,  die  sich  um  sie  gehäuft  hatten.  So  zauderte  sie  nicht  einen  Augenblick,  einen  kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer umzuhängen, das ihr gegen die übrigen zu ärmlich gekleidet schien, und sie tat das auf eine so neckische geschickte Weise, daß niemand eine solche Gabe  ablehnen  konnte.  Einer  von  ihrem  Hofstaat  hatte  stets  eine  Börse  und  den  Auftrag,  in  den Orten, wo sie einkehrten, sich nach den Ältesten und Kränksten zu erkundigen und ihren Zustand wenigstens  für  den  Augenblick  zu  erleichtern.  Dadurch  entstand  ihr  in  der  ganzen  Gegend  ein Name von Vortrefflichkeit, der ihr doch auch manchmal unbequem ward, weil er allzu viel lästige Notleidende an sie heranzog. Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf, als durch ein auffallendes, gutes, beharrliches Benehmen  gegen  einen  unglücklichen  jungen  Mann,  der  die  Gesellschaft  floh,  weil  er,  übrigens schön und wohlgebildet, seine rechte Hand, obgleich rühmlich, in der Schlacht verloren hatte. Diese Verstümmlung  erregte  ihm  einen  solchen  Mißmut;  es  war  ihm  so  verdrießlich,  daß  jede  neue Bekanntschaft  sich  auch  immer  mit  seinem  Unfall  bekannt  machen  sollte,  daß  er  sich  lieber versteckte, sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein für allemal mit der Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben. Das  Dasein  dieses  jungen  Mannes  blieb  ihr  nicht  verborgen.  Er  mußte  herbei,  erst  in  kleiner Gesellschaft, dann in größerer, dann in der größten. Sie benahm sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen  andern,  besonders  wußte  sie  durch  zudringliche  Dienstfertigkeit  ihm  seinen  Verlust wert zu machen, indem sie geschäftig war, ihn zu ersetzen. Bei Tafel mußte er neben ihr seinen Platz  nehmen,  sie  schnitt  ihm  vor,  so  daß  er  nur  die  Gabel  gebrauchen  durfte.  Nahmen  Ältere, Vornehmere  ihm  ihre  Nachbarschaft  weg,  so  erstreckte  sie  ihre  Aufmerksamkeit  über  die  ganze Tafel  hin,  und  die  eilenden  Bedienten  mußten  das  ersetzen,  was  ihm  die  Entfernung  zu  rauben drohte. Zuletzt munterte sie ihn auf, mit der linken Hand zu schreiben; er mußte alle seine Versuche an sie richten, und so stand sie, entfernt oder nah, immer mit ihm in Verhältnis. Der junge Mann 72
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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