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Die Wahlverwandtschaften

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Charlotte   benutzte   des   andern   Tags,   auf   einem   Spaziergang   nach   derselben   Stelle,   die Gelegenheit,  das  Gespräch  wieder  anzuknüpfen,  vielleicht  in  der  Überzeugung,  daß  man  einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann, als wenn man ihn öfters durchspricht. Eduarden war diese Wiederholung erwünscht. Er äußerte sich nach seiner Weise freundlich und angenehm: denn wenn er, empfänglich wie er war, leicht  aufloderte,  wenn  sein  lebhaftes  Begehren  zudringlich  ward,  wenn  seine  Hartnäckigkeit ungeduldig  machen  konnte;  so  waren  doch  alle  seine  Äußerungen  durch  eine  vollkommene Schonung des andern dergestalt gemildert, daß man ihn immer noch liebenswürdig finden mußte, wenn man ihn auch beschwerlich fand. Auf  eine  solche  Weise  brachte  er  Charlotten  diesen  Morgen  erst  in  die  heiterste  Laune,  dan n durch anmutige Gesprächswendungen ganz aus der Fassung, so daß sie zuletzt ausrief: Du willst gewiß, daß ich das, was ich dem Ehemann versagte, dem Liebhaber zugestehen soll. Wenigstens,  mein  Lieber,  fuhr  sie  fort,  sollst  du  gewahr  werden,  daß  deine  Wünsche,  die freundliche  Lebhaftigkeit,  womit  du  sie  ausdrückst,  mich  nicht  ungerührt,  mich  nicht  unbewegt lassen.  Sie  nötigen  mich  zu  einem  Geständnis.  Ich  habe  dir  bisher  auch  etwas  verborgen.  Ich befinde mich in einer ähnlichen Lage wie du, und habe mir schon eben die Gewalt angetan, die ich dir nun über dich selbst zumute. Das hör’ ich gern, sagte Eduard; ich merke wohl, im Ehestand muß man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander. Nun  sollst  du  also  erfahren,  sagte  Charlotte,  daß  es  mir  mit  Ottilien  geht,  wie  dir  mit  dem Hauptmann. Höchst ungern weiß ich das liebe Kind in der Pension, wo sie sich in sehr drückenden Verhältnissen befindet. Wenn Luciane, meine Tochter, die für die Welt geboren ist, sich dort für die Welt bildet, wenn sie Sprachen, Geschichtliches und was sonst von Kenntnissen ihr mitgeteilt wird, sowie ihre Noten und Variationen vom Blatte wegspielt; wenn bei einer lebhaften Natur und bei einem glücklichen Gedächtnis sie, man möchte wohl sagen, alles vergißt und im Augenblicke sich an   alles   erinnert;   wenn   sie   durch   Freiheit   des   Betragens,   Anmut   im   Tanze,   schickliche Bequemlichkeit des Gesprächs sich vor allen auszeichnet, und durch ein angebornes herrschendes Wesen sich zur Königin des kleinen Kreises macht; wenn die Vorsteherin dieser Anstalt sie als eine kleine  Gottheit  ansieht,  die  nun  erst  unter  ihren  Händen  recht  gedeih t,  die  ihr  Ehre  machen, Zutrauen erwerben und einen Zufluß von andern jungen Personen verschaffen wird; wenn die ersten Seiten  ihrer  Briefe  und  Monatsberichte  immer  nur  Hymnen  sind  über  die  Vortrefflichkeit  eines solchen Kindes, die ich denn recht gut in meine Prosa zu übersetzen weiß: so ist dagegen, was sie schließlich von Ottilien erwähnt, nur immer Entschuldigung auf Entschuldigung, daß ein übrigens so   schön   heranwachsendes   Mädchen   sich   nicht   entwickeln,   keine   Fähigkeiten   und   keine Fertigkeiten zeigen wolle. Das wenige, was sie sonst noch hinzufügt, ist gleichfalls für mich kein Rätsel,  weil  ich  in  diesem  lieben  Kinde  den  ganzen  Charakter  ihrer  Mutter,  meiner  wertesten Freundin, gewahr werde, die sich neben mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewiß, wenn ich Erzieherin oder Aufseherin sein könnte, zu einem herrlichen Geschöpf heraufbilden wollte. Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht, und man an seinen Lebensverhältnissen nicht so viel zupfen und zerren, nicht immer was Neues an sie heranziehen soll, so trag’ ich das lieber, ja ich überwinde  die  unangenehme  Empfindung,  wenn  meine  Tochter,  welche  recht  gut  weiß,  daß  die arme  Ottilie  ganz  von  uns  abhängt,  sich  ihrer  Vorteile  übermütig  gegen  sie  bedient,  und  unsre Wohltat dadurch gewissermaßen vernichtet. Doch wer ist so gebildet, daß er nicht seine Vorzüge gegen andre manchmal auf eine grausame Weise geltend machte? Wer steht so hoch, daß er unter einem solchen Druck nicht manchmal leiden müßte?  Durch  diese  Prüfungen  wächst  Ottiliens  Wert;  aber  seitdem  ich  den  peinlichen  Zustand recht deutlich einsehe, habe ich mir Mühe gegeben, sie anderwärts unterzubringen. Stündlich soll mir eine Antwort kommen, und alsdann will ich nicht zaudern. So steht es mit mir, mein Bester. Du siehst, wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen freundschaftlichen Herzen. Laß uns sie gemeinsam tragen, da sie sich nicht gegeneinander aufheben. Wir  sind  wunderliche  Menschen,  sagte  Eduard  lächelnd.  Wenn  wir  nur  etwas,  das  uns  Sorge macht,  aus  unserer  Gegenwart  verbannen  können,  da  glauben  wir  schon,  nun  sei  es  abgetan.  Im 7
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
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