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Die Wahlverwandtschaften

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beide   zuletzt   ganz   gleichstimmig   arbeiteten.   Genug,   eins   der   letzten   Gesichterchen   glückte vollkommen, so daß es schien, als wenn Ottilie selbst aus den himmlischen Räumen heruntersähe. An dem Gewölbe war man fertig; die Wände hatte man sich vorgenommen, einfach zu lassen und  nur  mit  einer  hellern  bräunlichen  Farbe  zu  überziehen;  die  zarten  Säulen  und  künstlichen bildhauerischen Zieraten sollten sich durch eine dunklere auszeichnen. Aber wie in solchen Dingen immer  eins  zum  andern  führt,  so  wurden  noch  Blumen  und  Fruchtgehänge  beschlossen,  welche Himmel und Erde gleichsam zusammenknüpfen sollten. Hier war nun Ottilie ganz in ihrem Felde. Die Garten lieferten die schönsten Muster, und obschon die Kränze  sehr reich ausgestattet wurden, so kam man doch früher, als man gedacht hatte, damit zu Stande. Noch sah aber alles wüste und roh aus. Die Gerüste waren durcheinander geschoben, die Bretter übereinander  geworfen,  der  ungleiche  Fußboden  durch  mancherlei vergossene  Farben  noch  mehr verunstaltet. Der Architekt erbat sich nunmehr, daß die Frauenzimmer ihm acht Tage Zeit lassen und  bis  dahin  die  Kapelle  nicht  betreten  möchten.  Endlich  ersuchte  er  sie  an  einem  schönen Abende,  sich  beiderseits  dahin  zu  verfügen;  doch  wünschte  er  sie  nicht  begleiten  zu  dürfen  und empfahl sich sogleich. Was   er   uns   auch   für   eine   Überraschung   zugedacht   haben   mag,   sagte   Charlotte,   als   er weggegangen war, so habe ich doch gegenwärtig keine Lust hinunterzuge hen. Du nimmst es wohl allein über dich und gibst mir Nachricht. Gewiß hat er etwas Angenehmes zu Stande gebracht. Ich werde es erst in deiner Beschreibung und dann gern in Wirklichkeit genießen. Ottilie,   die   wohl   wußte,   daß   Charlotte   sich   in   manchen   Stücken   in   acht   nahm,   alle Gemütsbewegungen vermied, und besonders nicht überrascht sein wollte, begab sich sogleich allein auf den Weg und sah sich unwillkürlich nach dem Architekten um, der aber nirgends erschien und sich  mochte  verborgen  haben.  Sie  trat  in  die  Kirche,  die  sie  offen  fand.  Diese  war  schon  früher fertig, gereinigt und eingeweiht. Sie trat zur Türe der Kapelle, deren schwere, mit Erz beschlagene Last sich leicht vor ihr auftat und sie in einem bekannten Raume mit einem unerwarteten Anblick überraschte. Durch das einzige hohe Fenster fiel ein ernstes buntes Licht herein: denn es war von farbigen Gläsern anmutig zusammengesetzt. Das Ganze erhielt dadurch einen fremden Ton und bereitete zu einer eigenen Stimmung. Die Schönheit des Gewölbes und der Wände ward durch die Zierde des Fußbodens erhöht, der aus besonders geformten, nach einem schönen Muster gelegten, durch eine gegossene Gipsfläche verbundenen Ziegelsteinen bestand. Diese sowohl als die farbigen Scheiben hatte der Architekt heimlich bereiten lassen und konnte nun in kurzer Zeit alles zusammenfügen. Auch  für  Ruheplätze  war  gesorgt.  Es  hatten  sich  unter  jenen  kirchlichen  Altertümern  einige schöngeschnitzte  Chorstühle  vorgefunden,  die  nun  gar  schicklich  an  den  Wänden  angebracht umherstanden. Ottilie  freute  sich  der  bekannten,  ihr  als  ein  unbekanntes  Ganze  entgegentretenden  Teile.  Sie stand,  ging  hin  und  wieder,  sah  und  besah;  endlich  setzte  sie  sich  auf  einen  der  Stühle,  und  es schien ihr, indem sie auf- und umherblickte, als wenn sie wäre und nicht wäre, als wenn sie sich empfände und nicht empfände, als wenn dies alles vor ihr, sie vor sich selbst verschwinden sollte, und nur als die Sonne das bisher sehr lebhaft beschienene Fenster verließ, erwachte Ottilie vor sich selbst und eilte nach dem Schlosse. Sie verbarg sich nicht, in welche sonderbare Epoche diese Überraschun g gefallen sei. Es war der Abend vor Eduards Geburtstage. Diesen hatte sie freilich ganz anders zu feiern gehofft: wie sollte nicht   alles   zu   diesem   Feste   geschmückt   sein?   Aber   nunmehr   stand   der   ganze   herbstliche Blumenreichtum  ungepflückt.  Diese  Sonnenblumen  wendeten  noch  immer  ihr  Angesicht  gen Himmel; diese Astern sahen noch immer stillbescheiden vor sich hin, und was allenfalls davon zu Kränzen gebunden war, hatte zum Muster gedient, einen Ort auszuschmücken, der, wenn er nicht bloß  eine  Künstlergrille  bleiben,  wenn  er  zu  irgendetwas  genutzt  werden  sollte,  nur  zu  einer gemeinsamen Grabstätte geeignet schien. Sie  mußte  sich  dabei  der  geräuschvollen  Geschäftigkeit  erinnern,  mit  welcher  Eduard  ihr Geburtsfest gefeiert; sie mußte des neugerichteten Hauses gedenken, unter dessen Decke man sich so  viel  Freundliches  versprach.  Ja  das  Feuerwerk  rauschte  ihr  wieder  vor  Augen  und  Ohren,  je 66
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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