Title:

Die Wahlverwandtschaften

Home
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

Wenn die Künstler so reich sind, versetzte Charlotte, so sagen Sie mir doch: wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken, einer abgestutzten Säule und eines Aschenkrugs herausfinden? Anstatt der tausend Erfindungen, deren Sie sich rühmen, habe ich nur immer tausend Wiederholungen gesehen. Das ist wohl bei uns so, entgegnete ihr der Architekt, aber nicht überall. Und überhaupt mag es mit  der  Erfindung  und  der  schicklichen  Anwendung  eine  eigne  Sache  sein.  Besonders  hat  es  in diesem   Falle   manche   Schwierigkeit,   einen   ernsten   Gegenstand   zu   erheitern   und   bei   einem unerfreulichen nicht ins Unerfreuliche zu geraten. Was Entwürfe zu Monumenten aller Art betrifft, deren  habe  ich  viele  gesammelt  und  zeige  sie  gelegentlich;  doch  bleibt  immer  das  schönste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis. Dieses gibt mehr als irgendetwas anders einen Begriff von dem, was er war; es ist der beste Text zu vielen oder wenigen Noten: nur müßte es aber auch in seiner besten Zeit gemacht sein, welches gewöhnlich versäumt wird. Niemand denkt daran, lebende Formen zu erhalten, und wenn es geschieht, so geschieht es auf unzulängli che Weise. Da wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block gesetzt, und das heißt man eine Büste. Wie selten ist der Künstler im Stande, sie völlig wieder zu beleben! Sie haben, ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen, versetzte Charlotte, dies Gespräch ganz zu  meinen  Gunsten  gelenkt.  Das  Bild  eines  Menschen  ist  doch  wohl  unabhängig;  überall,  wo  es steht, steht es für sich, und wir werden von ihm nicht verlangen, daß es die eigentliche Grabstätte bezeichne. Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen? Selbst gegen die Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung: denn sie scheinen mir immer einen stillen Vorwurf zu machen; sie  deuten  auf  etwas  Entferntes,  Abgeschiedenes  und  erinnern  mich,  wie  schwer  es  sei,  die Gegenwart  recht  zu  ehren.  Gedenkt  man,  wie  viel  Menschen  man  gesehen,  gekannt,  und  gesteht sich, wie wenig wir ihnen, wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zu Mute! Wir begegnen denn Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen ohne ihm etwas Angenehmes zu erzeigen. Und leider ereignet sich dies nicht bloß mit den Vorübergehenden. Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder, Städte gegen ihre würdigsten Bürger, Völker gegen ihre trefflichsten Fürsten, Nationen gegen ihre vorzüglichsten Men schen. Ich  hörte  fragen,  warum  man  von  den  Toten  so  unbewunden  Gutes  sage,  von  den  Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von jenen nichts zu befürchten haben, und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen könnten. So unrein ist die Sorge für das Andenken der andern; es ist meist nur ein selbstischer Scherz, wenn es dagegen ein heiliger Ernst wäre, seine Verhältnisse gegen die Überbliebenen immer lebendig und tätig zu erhalten. Zweites Kapitel Aufgeregt  durch  den  Vorfall  und  die  daran  sich  knüpfenden  Gespräche,  begab  man  sich  des andern  Tages  nach  dem  Begräbnisplatz,  zu  dessen  Verzierung  und  Erheiterung  der  Architekt manchen glücklichen Vorschlag tat. Allein auch auf die Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken, auf ein Gebäude das gleich anfänglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte. Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten, nach deutscher Art und Kunst, in guten Maßen errichtet   und   auf   eine   glückliche   Weise   verziert.   Man   konnte   wohl   nachkommen,   daß   der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und Neigung sich auch an diesem kleineren Gebäude bewährt, und es wirkte noch immer ernst und angenehm auf den Betrachter, obgleich die innere  neue  Einrichtung  zum  protestantischen  Gottesdienste  ihm  etwas  von  seiner  Ruhe  und Majestät genommen hatte. Dem  Architekten  fiel  es  nicht  schwer,  sich  von  Charlotten  eine  mäßige  Summe  zu  erbitten, wovon  er  das  Äußere  sowohl  als  das  Innere  im  altertümlichen  Sinne  herzustellen  und  mit  dem davorliegenden Auferstehungsfelde zur Übereinstimmung zu bringen gedachte. Er hatte selbst viel 62
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum