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Die Wahlverwandtschaften

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sprechen, der zwar lebhaft, aber nicht allzu vorlaut, seine und seines Prinzipals Gründe darlegte und der Gesellschaft manches zu denken gab. Sie  sehen,  sprach  er,  nach  einem  kurzen  Eingang,  in  welchem  er  seine  Zudringlichkeit  zu rechtfertigen wußte: Sie sehen, daß dem Geringsten wie dem Höchsten daran gelegen ist, den Ort zu bezeichnen,  der  die  Seinigen  aufbewahrt.  Dem  ärmsten  Landmann,  der  sein  Kind  begräbt,  ist  es eine Art von Trost, ein schwaches hölzernes Kreuz auf das Grab zu stellen, es mit einem Kranze zu zieren, um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten, als der Schmerz währt, wenn auch ein solches   Merkzeichen,   wie   die   Trauer   selbst,  durch   die   Zeit   aufgehoben   wird.   Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne, befestigen und schützen sie auf mancherlei Weise, und hier ist schon Dauer für mehrere Jahre. Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden, so haben Begüterte nichts Angelegeneres, als einen Stein aufzurichten, der für mehrere Generationen zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann. Aber dieser Stein ist es nicht, der uns anzieht, sondern das darunter Enthaltene, das daneben der Erde vertraute. Es ist nicht sowohl vom Andenken die Rede, als von der Person selbst, nicht von der Erinnerung, sondern von der Gegenwart. Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhügel  als  im  Denkmal:  denn  dieses  ist  für  sich  eigentlich  nur  wenig;  aber  um  dasselbe  her sollen sich, wie um einen Markstein, Gatten, Verwandte, Freunde, selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln, und der Lebende soll das Recht behalten, Fremde und Mißwollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden abzuweisen und zu entfernen. Ich halte deswegen dafür, daß mein Prinzipal  völlig recht habe, die Stiftung zurückzunehmen; und dies ist noch billig genug, denn die Glieder der Familie sind auf eine Weise verletzt, wofür gar kein Ersatz zu denken ist. Sie sollen das schmerzlich süße Gefühl entbehren, ihren Geliebten ein Totenopfer zu bringen, die tröstliche Hoffnung dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen. Die Sache ist nicht von der Bedeutung, versetzte Charlotte, daß man sich deshalb durch einen Rechtshandel  beunruhigen  sollte.  Meine  Anstalt  reut  mich  so  wenig,  daß  ich  die  Kirche  gern, wegen  dessen  was  ihr  entgeht,  entschädigen  will.  Nur  muß  ich  Ihnen  aufrichtig  gestehen,  Ihre Argumente haben mich nicht überzeugt. Das reine Gefühl einer endlichen allgemeinen Gleichheit, wenigstens  nach  dem  Tode,  scheint  mir  beruhigender  als  dieses  eigensinnige  starre  Fortsetzen unserer  Persönlichkeiten,  Anhänglichkeiten  und  Lebensverhältnis se.  Und  was  sagen  Sie  hiezu? richtete sie ihre Frage an den Architekten. Ich möchte, versetzte dieser, in einer solchen Sache weder streiten, noch den Ausschlag geben. Lassen  Sie  mich  das,  was  meiner  Kunst,  meiner  Denkweise  am  nächsten  liegt,  bescheidentlich äußern. Seitdem wir nicht mehr so glücklich sind, die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu drücken; da wir weder reich noch heiter genug sind, sie unversehrt in großen wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren; ja da wir nicht einmal in den Kirchen mehr Platz für uns und für die Unsrigen finden, sondern hinaus ins Freie gewiesen sind, so haben wir alle Ursache, die Art und Weise, die Sie, meine gnädige Frau, eingeleitet haben, zu billigen. Wenn die Glieder einer  Gemeinde  reihenweise  nebeneinander  liegen,  so  ruhen  sie  bei  und  unter  den  Ihrigen;  und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich nichts natürlicher und reinlicher, als daß man  die  zufällig  entstandenen,  nach  und  nach  zusammensinkenden  Hügel  ungesäumt  vergleiche, und so die Decke, indem alle sie tragen, einem jeden leichter gemacht werde. Und ohne irgend ein Zeichen des Andenkens, ohne irgendetwas, das der Erinnerung entgegen käme, sollte das alles so vorübergehen? versetzte Ottilie. Keineswegs!  fuhr  der  Architekt  fort:  nicht  vom  Andenken,  nur  vom  Platze  soll  man  sich lossagen. Der Baukünstler, der Bildhauer sind höchlich interessiert, daß der Mensch von ihnen, von ihrer Kunst, von ihrer Hand, eine Dauer seines Daseins erwarte; und deswegen wünschte ich gut gedachte, gut ausgeführte Monumente, nicht einzeln und zufällig ausgesäet, sondern an einem Orte aufgestellt,  wo  sie  sich  Dauer  versprechen  können.  Da  selbst  die  Frommen  und  Hohen  auf  das Vorrecht Verzicht tun, in den Kirchen persönlich zu ruhen, so stelle man wenigstens dort, oder in schönen  Hallen  um  die  Begräbnisplätze,  Denkzeichen,  Denkschriften  auf.  Es  gibt  tausenderlei Formen, die man ihnen vorschreiben, tausenderlei Zieraten, womit man sie ausschmücken kann. 61
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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