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Die Wahlverwandtschaften

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sich  durch-  und  übereinander.  Bald  unterschreiben  wir  einen  Kontrakt;  da  ist  ihre  Hand  und  die meinige,  ihr  Name  und  der  meinige,  beide  löschen  einander  aus,  beide  verschlingen  sich.  Auch nicht ohne Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie. Manchmal tut sie etwas, das die reine Idee beleidigt, die ich von ihr habe; dann fühl’ ich erst, wie sehr ich sie liebe, indem ich über  alle  Beschreibung  geängstet  bin.  Manchmal  neckt  sie  mich  ganz  gegen  ihre  Art  und  quält mich;   aber   sogleich   verändert   sich   ihr   Bild,   ihr   schönes,   rundes,   hi  mlisches   Gesichtchen verlängert sich: es ist eine andre. Aber ich bin doch gequält, unb efriedigt und zerrüttet. Lächeln  Sie  nicht,  lieber  Mittler,  oder  lächeln  Sie  auch!  O  ich  schäme  mich  nicht  dieser Anhänglichkeit,  dieser,  wenn  Sie  wollen,  törigen  rasenden  Neigung.  Nein,  ich  habe  noch  nie geliebt; jetzt erfahre ich erst, was das heißt. Bisher war alles in meinem Leben nur Vorspiel, nur Hinhalten, nur Zeitvertreib, nur Zeitverderb, bis ich sie kennenlernte, bis ich sie liebte und ganz und eigentlich liebte. Man hat mir, nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im Rücken, den Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stümpere nur in den meisten Dingen. Es mag sein, aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als Meister zeigen kann. Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens übertrifft. Zwar  es  ist  ein  jammervolles,  ein  schmerzen-,  ein  tränenreiches;  aber  ich  finde  es  mir  so natürlich, so eigen, daß ich es wohl schwerlich je wieder aufgebe.   Durch  diese  lebhaften  herzlichen  Äußerungen  hatte  sich  Eduard  wohl   erleichtert,  aber  es  war ihm  auch  auf  einmal  jeder  einzelne  Zug  seines  wunderlichen  Zustandes  deutlich  vor  die  Augen getreten,   daß   er   vom   schmerzlichen   Widerstreit   überwältigt   in   Tränen   ausbrach,   die   um   so reichlicher flossen, als sein Herz durch Mitteilung weich geworden war. Mittler,  der  sein  rasches  Naturell,  seinen  unerbittlichen  Verstand  um  so  weniger  verleugnen konnte, als er sich durch diesen schmerzlichen Ausbruch der Leidenschaft Eduards weit von dem Ziel seiner Reise verschlagen sah, äußerte aufrichtig und derb seine Mißbilligung. Eduard – hieß es –  solle  sich  ermannen,  solle  bedenken,  was  er  seiner  Manneswürde  schuldig  sei;  solle  n icht vergessen, daß dem Menschen zur höchsten Ehre gereiche, im Unglück sich zu fassen, den Schmerz mit Gleichmut und Anstand zu ertragen, um höchlich geschätzt, verehrt und als Muster aufgestellt zu werden. Aufgeregt,  durchdrungen  von  den  peinlichsten  Gefühlen,  wie  Eduard  war,  mußten  ihm  diese Worte hohl und nichtig vorkommen. Der Glückliche, der Behagliche hat gut reden, fuhr Eduard auf: aber  schämen  würde  er  sich,  wenn  er  einsähe,  wie  unerträglich  er  dem  Leidenden  wird.  Eine unendliche  Geduld  soll  es  geben,  einen  unendlichen  Schmerz  will  der  starre  Behagliche  nicht erkennen. Es gibt Fälle, ja es gibt deren! wo jeder Trost niederträchtig und Verzweiflung Pflicht ist. Verschmäht doch ein edler Grieche, der auch Helden zu schildern weiß, keineswegs, die seinigen bei  schmerzlichem  Drange  weinen  zu  lassen.  Selbst  im  Sprichwort  sagt  er:  tränenreiche  Männer sind  gut.  Verlasse  mich  jeder,  der  trocknen  Herzens,  trockner  Augen  ist!  Ich  verwünsche  die Glücklichen, denen der Unglückliche nur zum Spektakel dienen soll. Er soll sich in der grausamsten Lage körperlicher und geistiger Bedrängnis noch edel gebärden,  um ihren Beifall zu  erhalten;  und  damit  sie  ihm  beim  Verscheiden  noch  applaudieren,  wie  ein  Gladiator  mit Anstand vor ihren Augen umkommen. Lieber Mittler, ich danke Ihnen für Ihren Besuch; aber Sie erzeigten mir eine große Liebe, wenn Sie sich im Garten, in der Gegend umsähen. Wir kommen wieder zusammen. Ich suche gefaßter und Ihnen ähnlicher zu werden. Mittler  mochte  lieber  einlenken,  als  die  Unterhaltung  abbrechen,  die  er  so  leicht  nicht  wieder anknüpfen  konnte.  Auch  Eduarden  war  es  ganz  gemäß,  das  Gespräch  weiter  fortzusetzen,  das ohnehin zu seinem Ziele abzulaufen strebte. Freilich,  sagte  Eduard,  hilft  das  Hin-  und  Widerdenken,  das  Hin-  und  Widerreden  zu  nichts; doch unter diesem Reden bin ich mich selbst erst gewahr worden, habe ich erst entschieden gefühlt, wozu ich mich entschließen sollte, wozu ich entschlossen bin. Ich sehe mein gegenwärtiges, mein zukünftiges  Leben  vor  mir;  nur  zwischen  Elend  und  Genuß  habe  ich  zu  wählen.  Bewirken  Sie, bester  Mann,  eine  Scheidung,  die  so  notwendig,  die  schon  geschehen  ist;  schaffen  Sie  mir Charlottens Einwilligung. Ich will nicht weiter ausführen, warum ich glaube, daß sie zu erlangen sein wird. Gehen Sie hin, lieber Mann, beruhigen Sie uns alle, machen Sie uns glücklich! 57
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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