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Die Wahlverwandtschaften

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Charakter,  und  die  einzelnen  Partien,  wenn  auch  nicht  zum  Malen,  schienen  doch  zum  Leben vorzüglich geeignet zu sein. Ein   wohlerhaltenes   Vorwerk   mit   einem   reinlichen   bescheidenen   Wohnhause,   von   Gärten umgeben, fiel ihm endlich in die Augen. Er vermutete, hier sei Eduards gegenwärtiger Aufenthalt, und er irrte nicht. Von  diesem  einsamen  Freunde  können  wir  so  viel  sagen,  daß  er  sich  im  stillen  dem  Gefühl seiner   Leidenschaft   ganz   überließ   und   dabei   mancherlei   Plane   sich   ausdachte,   mancherlei Hoffnungen  nährte.  Er  konnte  sich  nicht  leugnen,  daß  er  Ottilien  hier  zu  sehen  wünsche,  daß  er wünsche, sie hieher zu führen, zu locken, und was er sich sonst noch Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken  nicht  verwehrte.  Dann  schwankte  seine  Einbildungskraft  in  allen  Möglichkeiten  herum. Sollte er sie hier nicht besitzen, nicht rechtmäßig besitzen können, so wollte er ihr den Besitz des Gutes zueignen. Hier sollte sie still für sich, unabhängig leben; sie sollte glücklich sein, und wenn ihn   eine   selbstquälerische   Einbildungskraft   noch   weiter   führte,   vielleicht   mit   einem   andern glücklich sein. So  verflossen  ihm  seine  Tage  in  einem  ewigen  Schwanken  zwischen  Hoffnung  und  Schmerz, zwischen  Tränen  und  Heiterkeit,  zwischen  Vorsätzen,  Vorbereitungen  und  Verzweiflung.  Der Anblick Mittlers überraschte ihn nicht. Er hatte dessen Ankunft längst erwartet, und so war er ihm auch halb willkommen. Glaubte er ihn von Charlotten gesendet, so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen und Verzögerungen und sodann auf entscheidendere Vorschläge bereitet; hoffte er nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen, so war ihm Mittler so lieb als ein himmlischer Bote. Verdrießlich daher und verstimmt war Eduard, als er vernahm, Mittler komme nicht von dorther, sondern aus eignem Antriebe. Sein Herz verschloß sich, und das Gespräch wollte sich anfangs nicht einleiten.  Doch  wußte  Mittler  nur  zu  gut,  daß  ein  liebevoll  beschä f tigtes  Gemüt  das  dringende Bedürfnis hat, sich zu äußern, das, was in ihm vorgeht, vor einem Freunde auszuschütten, und ließ sich daher gefallen, nach einigem Hin- und Widerreden, diesmal aus seiner Rolle herauszugehen und statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen. Als er hiernach, auf eine freundliche Weise, Eduarden wegen seines einsamen Lebens tadelte, erwiderte dieser: O ich wüßte nicht, wie ich meine Zeit angenehmer zubringen sollte! Immer bin ich mit  ihr  beschäftigt,  immer  in  ihrer  Nähe.  Ich  habe  den  unschätzbaren  Vorteil,  mir  denken  zu können, wo sich Ottilie befindet, wo sie geht, wo sie steht, wo sie ausruht. Ich sehe sie vor mir tun und  handeln  wie  gewöhnlich,  schaffen  und  vornehmen,  freilich  immer  das,  was  mir  am  meisten schmeichelt. Dabei bleibt es aber nicht: denn wie kann ich fern von ihr glücklich sein! Nun arbeitet meine  Phantasie  durch,  was  Ottilie  tun  sollte,  sich  mir  zu  nähern.  Ich  schreibe  süße  zutrauliche Briefe  in  ihrem  Namen  an  mich;  ich  antworte  ihr  und  verwahre  die  Blätter  zusammen.  Ich  habe versprochen, keinen Schritt gegen sie zu tun, und das will ich halten. Aber was bindet sie, daß sie sich  nicht  zu  mir  wendet?  Hat  etwa  Charlotte  die  Grausamkeit  gehabt,  Versprechen  und  Schwur von  ihr  zu  fordern,  daß  sie  mir  nicht  schreiben,  keine  Nachricht  von  sich  geben  wolle?  Es  ist natürlich, es ist wahrscheinlich, und doch finde ich es unerhört, unerträglich. Wenn sie mich liebt, wie ich glaube, wie ich weiß, warum entschließt sie sich nicht, warum wagt sie es nicht, zu fliehen und sich in meine Arme zu werfen? Sie sollte das, denke ich manchmal, sie könnte das. Wenn sich etwas auf dem Vorsaale regt, sehe ich gegen die Türe. Sie soll hereintreten! denk’ ich, hoff’ ich. Ach!  und  da  das  Mögliche  unmöglich  ist,  bilde  ich  mir  ein,  das  Unmögliche  müsse  möglich werden. Nachts, wenn ich aufwache, die Lampe einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft,  da  sollte  ihre  Gestalt,  ihr  Geist,  eine Ahnung von ihr, vorüberschweben, herantreten, mich ergreifen, nur einen Augenblick, daß ich eine Art von Versicherung hätte, sie denke mein, sie sei mein. Eine einzige Freude bleibt mir noch. Da ich ihr nahe war, träumte ich nie von ihr; jetzt aber in der  Ferne  sind  wir  im  Traume  zusammen,  und  sonderbar  genug,  seit  ich  andre  liebenswürdige Personen hier in der Nachbarschaft kennengelernt, jetzt erst erscheint mir ihr Bild im Traum, als wenn sie mir sagen wollte: siehe nur hin und her! du findest doch nichts Schöneres und Lieberes als mich. Und so mischt sich ihr Bild in jeden meiner Träume. Alles, was mir mit ihr begegnet, schiebt 56
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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