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Die Wahlverwandtschaften

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Man pfropft und erzieht, und endlich, wenn sie Früchte tragen, so ist es nicht der Mühe wert, daß solche Bäume im Garten stehen. Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener, fast so oft er Ottilien sah, nach der Rückkunft des Herrn und nach dem Termin derselben. Und wenn Ottilie ihn nicht angeben konnte, so ließ ihr der  gute  Mann  nicht  ohne  stille  Betrübnis  merken,  daß  er  glaube  sie  vertraue  ihm  nicht,  und peinlich war ihr das Gefühl der Unwissenheit, das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward. Doch konnte sie sich von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen. Was sie zusammen zum Teil gesäet, alles gepflanzt hatten, stand nun im völligen Flor; kaum bedurfte es noch einer Pflege, außer daß  Nanny  immer  zum  Gießen  bereit  war.  Mit  welchen  Empfindungen  betrachtete  Ottilie  die späteren Blumen, die sich erst anzeigten, deren Glanz und Fülle dereinst an Eduards Geburtstag, dessen  Feier  sie  sich  manchmal  versprach,  prangen,  ihre  Neigung  und  Dankbarkeit  ausdrücken sollten. Doch war die Hoffnung, dieses Fest zu  sehen, nicht immer gleich lebendig. Zweifel und Sorgen umflüsterten stets die Seele des guten Mädchens. Zu einer eigentlichen offnen Übereinstimmung mit Charlotten konnte es auch wohl nicht wieder gebracht werden. Denn freilich war der Zustand beider Frauen sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man in das Gleis des gesetzmäßigen Lebens zurückkehrte, gewann Charlotte an gegenwärtigem Glück, und eine frohe Aussicht in die Zukunft eröffnete sich ihr; Ottilie hingegen verlor  alles,  man  kann  wohl  sagen,  alles:  denn  sie  hatte  zuerst  Leben  und  Freude  in  Eduard gefunden, und in dem gegenwärtigen Zustande fühlte sie eine unendliche Leere, wovon sie früher kaum etwas geahnet hatte. Denn ein Herz, das sucht, fühlt wohl, daß ihm etwas mangle, ein Herz, das verloren hat, fühlt, daß es entbehre. Sehnsucht verwandelt sic h in Unmut und Ungeduld, und ein  weibliches  Gemüt,  zum  Erwarten  und  Abwarten  gewöhnt,  möchte  nun  aus  seinem  Kreise herausschreiten, tätig werden, unternehmen und auch etwas für sein Glück tun. Ottilie  hatte  Eduarden  nicht  entsagt.  Wie  konnte  sie  es  auch,  obgleich  Charlotte  klug  genug, gegen ihre eigne Überzeugung, die Sache für bekannt annahm und als entschieden voraussetzte, daß ein freundschaftliches ruhiges Verhältnis zwischen ihrem Gatten und Ottilien möglich sei. Wie oft aber lag diese nachts, wenn sie sich eingeschlossen, auf den Knieen vor dem eröffneten Koffer und betrachtete  die  Geburtstagsgeschenke,  von  denen  sie  noch  nichts  gebrauch t,  nichts  zerschnitten, nichts  gefertigt.  Wie  oft  eilte  das  gute  Mädchen  mit  Sonnenaufgang  aus  dem  Hause,  in  dem  sie sonst alle ihre Glückseligkeit gefunden hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend, die sie sonst nicht ansprach. Auch auf dem Boden mochte sie nicht verweilen. Sie sprang in den Kahn und ruderte sich bis  mitten  in  den  See:  dann  zog  sie  eine  Reisebeschreibung  hervor,  ließ  sich  von  den  bewegten Wellen schaukeln, las, träumte sich in die Fremde, und immer fand sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe geblieben, er dem ihrigen. Achtzehntes Kapitel Daß jener wunderlich tätige Mann, den wir bereits kennengelernt, daß Mittler, nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden ausgebrochen, Nachricht erhalten, obgleich kein Teil noch seine Hilfe angerufen, in diesem Falle seine Freundschaft, seine Geschicklichkeit zu beweisen, zu üben geneigt war, läßt sich denken. Doch schien es ihm rätlich, erst eine Weile zu zaudern; denn er wußte  nur  zu  wohl,  daß  es  schwerer  sei,  gebildeten  Menschen  bei  si ttlichen  Verworrenheiten  zu Hilfe zu kommen, als ungebildeten. Er überließ sie deshalb eine Zeitlang sich selbst; allein zuletzt konnte  er  es  nicht  mehr  aushalten  und  eilte  Eduarden  aufzusuchen,  dem  er  schon  auf  die  Spur gekommen war. Sein   Weg   führte   ihn   zu   einem   angenehmen   Tal,   dessen   anmutig   grünen   baumreichen Wiesengrund   die   Wasserfülle   eines   immer   lebendigen   Baches   bald   durchschlängelte,   bald durchrauschte.   Auf   den   sanften   Anhöhen   zogen   sich   fruchtbare   Felder   und   wohlbestandene Obstpflanzungen hin. Die Dörfer lagen nicht zu nah aneinander, das Ganze hatte einen friedlichen 55
  
EinFach Deutsch - Textausgaben: Iphigenie auf Tauris. Mit Materialien: Ein Schauspiel
von Johann Wolfgang von Goethe,
Michael Fuchs
Siehe auch:
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