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Die Wahlverwandtschaften

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Das Übel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder nicht – dies nur fühl’ ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln soll, so muß ich Aufschub finden für mich, für uns alle. Indem ich mich aufopfre kann ich fordern. Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter günstigern ruhigern Aussichten zurück. Du sollst es indessen besitzen, aber mit Ottilien. Bei dir will ich sie wissen,  nicht  unter  fremden  Menschen.  Sorge  für  sie,  behandle  sie  wie  sonst,  wie  bisher,  ja  nur immer liebevoller, freundlicher und zarter. Ich verspreche kein heimliches Verhältnis zu Ottilien zu suchen. Laßt mich lieber eine Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will mir das Beste denken. Denkt auch so von mir. Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf das lebhafteste: mache keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo unterzugeben, in neue Verhältnisse zu bringen. Außer dem Bezirk deines Schlosses, deines Parks, fremden Menschen anvertraut, gehört sie mir und ich werde mich ihrer bemächtigen. Ehrst du aber meine Neigung, meine Wünsche, meine Schmerzen; schmeichelst du meinem Wahn, meinen Hoffnungen, so will ich auch der Genesung nicht widerstreben, wenn sie sich mir anbietet. – Diese  letzte  Wendung  floß  ihm  aus  der  Feder,  nicht  aus  dem  Herzen.  Ja,  wie  er  sie  auf  dem Papier  sah,  fing  er  bitterlich  zu  weinen  an.  Er  sollte  auf  irgendeine  Weise  dem  Glück,  ja  dem Unglück,  Ottilien  zu  lieben,  entsagen!  Jetzt  erst  fühlte  er,  was  er  tat.  Er  entfernte  sich,  ohne  zu wissen, was daraus entstehen konnte. Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen; ob er sie je wiedersähe, welche Sicherheit konnte er sich darüber versprechen? Aber der Brief war geschrieben; die Pferde standen vor der Tür; jeden Augenblick mußte er fürchten, Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluß vereitelt zu sehen. Er faßte sich; e r dachte, daß es ihm doch möglich sei,   jeden   Augenblick   zurückzukehren   und   durch   die   Entfernung   gerade   seinen   Wünschen näherzukommen. Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor aus dem Hause gedrängt, wenn er bliebe. Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Pferd. Als er beim Wirtshause vorbeitritt, sah er den Bettler in der Laube sitzen, den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte. Dieser saß behaglich an seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte sich ehrerbietig,  ja  anbetend  vor  Eduarden.  Eben  diese  Gestalt  war  ihm  gestern  erschienen,  als  er Ottilien am Arm führte; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die glücklichste Stunde seines Lebens. Seine   Leiden   vermehrten   sich,   das   Gefühl   dessen,   was   er   zurückließ,   war   ihm   unerträglich; nochmals  blickte  er  nach  dem  Bettler:  O  du  Beneidenswerter!  rief  er  aus:  du  kannst  noch  am gestrigen Almosen zehren, und ich nicht mehr am gestrigen Glücke! Siebzehntes Kapitel Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten hörte, und sah Eduarden noch im Rücken. Es kam  ihr  wunderbar  vor,  daß  er  das  Haus  verließ,  ohne  sie  gesehen,  ohne  ihr  einen  Morgengruß geboten zu haben. Sie ward unruhig und immer nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenständen sprach, aber des Gemahls, und wie es schien vorsätzlich, nicht erwähnte. Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer Zurückkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden. Wir  vermissen  ungern  gering  scheinende  Gewohnheiten,  aber  schmerzlich  empfinden  wir  erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fällen. Eduard und der Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit  langer  Zeit  zum  erstenmal  den  Tisch  selbst  angeordnet,  und  es  wollte  Ottilien  scheinen,  als wenn  sie  abgesetzt  wäre.  Die  beiden  Frauen  saßen  gegen  einander  über;  Charlotte  sprach  ganz unbefangen   von   der   Anstellung   des   Hauptmanns   und   von   der   wenigen   Hoffnung,   ihn   bald wiederzusehen. Das einzige tröstete Ottilien in ihrer Lage, daß si e glauben konnte, Eduard sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm nachgeritten. Allein, da sie von Tisch aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter dem Fenster, und als Charlotte einigermaßen unwillig fragte, wer ihn hieher bestellt habe, so antwortete man ihr, es sei 52
  
Johann Wolfgang von Goethes "Wetterkugel"
von TechGalerie
Siehe auch:
Johann König - Live! Total Bock auf Remmi Demmi (+CD)
von Johann König (in DVD & Blu-ray)
And in the Endless Pause There Came the Sound of B
von Johann Johannsson (in Musik)
Johann Sebastian Bach für Kinder. CD
von Marko Simsa (in Klassische Musik)
Lafer nimmt ab
von Johann Lafer und Detlef Pape (in Drogerie & Körperpflege)
Bach, Johann Sebastian: Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
von Martin Geck (in Musikinstrumente & DJ-Equipment)
 
   
 
     
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