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Die Wahlverwandtschaften

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sind. Er hing ganz seinen glücklichen Träumen nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel gewältigte. Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm ihrer zu wenig, und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu gering. Er fragte nach mehreren Arbeitern: man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages. Aber auch diese sind ihm nicht genug, um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen. Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr: es soll schon alles fertig sein und für wen? Die Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze schon an Ort und Stelle, damit Ottilie  dort  ruhen  könne.  Auch  an  dem  neuen  Hause  treibt,  er  was  er  kann:  es  soll  an  Ottiliens Geburtstage  gerichtet  werden.  In  Eduards  Gesinnungen,  wie  in  seinen  Handlungen,  ist  kein  Maß mehr. Das Bewußtsein zu lieben und geliebt zu werden, treibt ihn ins Unendliche. Wie verändert ist ihm  die  Ansicht  von  allen  Zimmern,  von  allen  Umgebungen!  Er  findet  sich  in  seinem  eigenen Hause  nicht  mehr.  Ottiliens  Gegenwart  verschlingt  ihm  alles:  er  ist  ganz  in  ihr  versunken;  keine andre  Betrachtung  steigt  vor  ihm  auf,  kein  Gewissen  spricht  ihm  zu;  alles,  was  in  seiner  Natur gebändigt war, bricht los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien. Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wünscht den trauri gen Folgen zuvorzukommen.  Alle  diese  Anlagen,  die  jetzt  mit  einem einseitigen Triebe übermäßig gefördert werden, hatte er auf ein ruhig freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn zu Stande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen. Aber sie muß gleich in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr  als  sonst  üben  und  im  Auge  haben:  denn  nach  der  übereilten  Weise  wird  das  Ausgesetzte nicht lange reichen. Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in dieser Lage lassen! Sie beraten sich und kommen überein, man wolle die planmäßigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende   Gelder   aufnehmen   und   zu   deren   Abtragung   die   Zahlungstermine   anweisen,   die   vom Vorwerksverkauf   zurückgeblieben   waren.   Es   ließ   sich   fast   ohne   Verlust   durch   Zession   der Gerechtsame  tun;  man  hatte  freiere  Hand;  man  leistete,  da  alles  im  Gange,  Arbeiter  genug vorhanden waren, mehr auf einmal und gelangte gewiß und bald zum Zweck. Eduard stimmte gern bei, weil es mit seinen Absichten übereintraf. Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht und sich vorgesetzt, und männlich   steht   ihr   der   Freund   mit   gleichem   Sinn   zur   Seite.   Aber   eben   dadurch   wird   ihre Vertraulichkeit  nur  vermehrt.  Sie  erklären  sich  wechselseitig  über  Eduards  Leidenschaft;  sie beraten sich darüber. Charlotte schließt Ottilien näher an sich , beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden, desto tiefer blickt sie in das Herz des Mädchens. Sie sieht keine Rettung, als sie muß das Kind entfernen. Nun  scheint  es  ihr  eine  glückliche  Fügung,  daß  Luciane  ein  so  ausgezeichnetes  Lob  in  der Pension  erhalten:  denn  die  Großtante,  davon  unterrichtet,  will  sie  nun  ein  für  allemal  zu  sich nehmen, sie um sich haben, sie in die Welt einführen. Ottilie konnte in die Pension zurückkehren; der Hauptmann entfernte sich, wohlversorgt; und alles stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel  besser.  Ihr  eigenes  Verhältnis  hoffte  Charlotte  zu  Eduard  bald  wieder  herzustellen,  und  sie legte das alles so verständig bei sich zurecht, daß sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern beschränktern Zustand könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen. Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den Weg legte. Er bemerkte gar  bald,  daß  man  ihn  und  Ottilien  auseinanderhielt,  daß  man  ihm  erschwerte,  sie  allein  zu sprechen,  ja  sich  ihr  zu  nähern,  außer  in  Gegenwart  von  mehreren;  und  indem  er  hierüber verdrießlich war, ward er es über manches andere. Konnte er Ottilien flüchtig sprechen, so war es nicht nur, sie seiner Liebe zu versichern, sondern sich auch über seine Gattin, über den Hauptmann zu beschweren. Er fühlte nicht, daß er selbst durch sein heftiges Treiben, die Kasse zu erschöpfen, auf  dem  Wege  war;  er  tadelte  bitter  Charlotten  und  den  Hauptmann,  daß  sie  bei  dem  Geschäft gegen die erste Abrede handelten, und doch hatte er in die zweite Abrede  gewilligt, ja er hatte sie selbst veranlaßt und notwendig gemacht. 44
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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