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Die Wahlverwandtschaften

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Eine andre Türe links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er hörte reden und horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen: Ist Ottilie schon zu Bette? Nein, versetzte jene; sie sitzt noch unten und schreibt. So zünde Sie das Nachtlicht an, sagte Charlotte, und gehe Sie nur hin: es ist spät. Die Kerze will ich selbst auslöschen und für mich zu Bette gehen. Eduard hörte mit Entzücken, daß Ottilie noch schreibe. Sie beschäftigt sich für mich! dachte er triumphierend.  Durch  die  Finsternis  ganz  in  sich  selbst  geengt,  sah  er  sie  sitzen,  schreiben;  er glaubte   zu   ihr   zu   treten,   sie   zu   sehen,   wie   sie   sich   nach   ihm   umkehrte;   er   fühlte   ein unüberwindliches  Verlangen,  ihr  noch  einmal  nahe  zu  sein.  Von  hier  aber  war  kein  Weg  in  das Halbgeschoß, wo sie wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Türe, eine sonderbare Verwechselung ging in seiner Seele vor, er suchte die Türe aufzudrehen, er fand sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hörte nicht. Sie  ging  in  dem  größeren  Nebenzimmer  lebhaft  auf  und  ab.  Sie  wiederholte  sich  aber  und abermals,  was  sie  seit  jenem  unerwarteten  Vorschlag  des  Grafen  oft  genug  bei  sich  um  und  um gewendet hatte. Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen  kann,  ja  sie  antizipierte,  wie  man  gewöhnlich  pflegt,  den  leidigen  Trost,  daß  auch  solche Schmerzen  durch  die  Zeit  gelindert  werden.  Sie  verwünschte  die  Zeit,  die  es  braucht,  um  sie  zu lindern; sie verwünschte die totenhafte Zeit, wo sie würden gelind ert sein. Da  war  denn  zuletzt  die  Zuflucht  zu  den  Tränen  um  so  willkommner,  als  sie  bei  ihr  selten stattfand.  Sie  warf  sich  auf  den  Sofa  und  überließ  sich  ganz  ihrem  Schmerz.  Eduard  seinerseits konnte  von  der  Türe  nicht  weg;  er  pochte  nochmals,  und  zum  drittenmal  etwas  stärker,  so  daß Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr. Der erste Gedanke war:  es  könne,  es  müsse  der  Hauptmann  sein;  der  zweite:  das  sei  unmöglich!  Sie  hielt  es  für Täuschung; aber sie hatte es gehört, sie wünschte, sie fürchtete, es gehört zu haben. Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentür. Sie schalt sich über die Furcht: Wie leicht kann die Baronesse etwas bedürfen! sagte sie zu sich selbst und rief gefaßt und gesetzt: Ist jemand da?  Eine  leise  Stimme  antwortete:  Ich  bin’s.  Wer?  entgegnete  Charlotte,  die  den  Ton  nicht unterscheiden  konnte.  Ihr  stand  des  Hauptmanns  Gestalt  vor  der  Tür.  Etwas  lauter  klang  es  ihr entgegen: Eduard! Sie öffnete, und ihr Gemahl stand vor ihr. Er begrüßte sie mit einem Scherz. Es ward   ihr   möglich,   in   diesem   Tone   fortzufahren.   Er   verwickelte   den   rätselhaften   Besuch   in rätselhafte Erklärungen. Warum ich denn aber eigentlich komme, sagte er zuletzt, muß ich dir nur gestehen. Ich habe ein Gelübde getan, heute abend noch deinen Schuh z u küssen. Das ist dir lange nicht eingefallen, sagte Charlotte. Desto schlimmer, versetzte Eduard, und desto besser! Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung seinen Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie konnte sich nicht erwehren, daß er nicht ihren Schuh küßte, und daß, als dieser ihm in der Hand blieb, er den Fuß ergriff und ihn zärtlich an seine Brust drückte. Charlotte  war  eine  von  den  Frauen,  die,  von  Natur  mäßig,  im  Ehestande  ohne  Vorsatz  und Anstrengung  die  Art  und  Weise  der  Liebhaberinnen  fortführen.  Niemals  reizte  sie  den  Mann,  ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen; aber ohne Kälte und abstoßende Strenge glich sie immer einer  liebevollen  Braut,  die  selbst  vor  dem  Erlaubten  noch  innige  Scheu  trägt.  Und  so  fand  sie Eduard  diesen  Abend  in  doppeltem  Sinne.  Wie  sehnlich  wünschte  sie  den  Gatten  weg:  denn  die Luftgestalt des Freundes schien ihr Vorwürfe zu machen. Aber das, was Eduarden hätte entfernen sollen, zog ihn nur mehr an. Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar. Sie hatte geweint, und wenn  weiche  Personen  dadurch  meist  an  Anmut  verlieren,  so  gewinnen  diejenigen  dadurch unendlich,  die  wir  gewöhnlich  als  stark  und  gefaßt  kennen.  Eduard   war  so  liebenswürdig,  so freundlich,  so  dringend;  er  bat  sie,  bei  ihr  bleiben  zu  dürfen,  er  forderte  nicht,  bald  ernst  bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er dachte nicht daran, daß er Re chte habe und löschte zuletzt mutwillig die Kerze aus. In    der    Lampendämmerung    sogleich    behauptete    die    innre    Neigung,    behauptete    die Einbildungskraft  ihre  Rechte  über  das  Wirkliche.  Eduard  hielt  nur  Ottilien  in  seinen  Armen. 40
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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