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Die Wahlverwandtschaften

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sehen und – ich will nicht lange zurückhalten mit dem, was ich für ihn wünsche: ich möchte, daß wir ihn auf einige Zeit zu uns nähmen. Das ist wohl zu überlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten, versetzte Charlotte. Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen, entgegnete ihr Eduard. In seinem letzten Briefe herrscht  ein  stiller  Ausdruck  des  tiefsten  Mißmutes;  nicht  daß  es  ihm  an  irgendeinem  Bedürfnis fehle: denn er weiß sich durchaus zu beschränken, und für das Notwendige habe ich gesorgt; auch drückt  es  ihn  nicht,  etwas  von  mir  anzunehmen:  denn  wir  sind  unsre  Lebzeit  über  einander wechselseitig uns so viel schuldig geworden, daß wir nicht berechnen können, wie unser Kredit und Debet  sich  gegeneinander  verhalte  –  daß  er  geschäftlos  ist,  das  ist  eigentlich  seine  Qual.  Das Vielfache, was er an sich ausgebildet hat, zu andrer Nutzen täglich und stündlich zu gebrauchen, ist ganz allein sein Vergnügen, ja seine Leidenschaft. Und nun die Hände in den Schoß zu legen, oder noch  weiter  zu  studieren,  sich  weitere  Geschicklichkeit  zu  verschaffen,  da  er  das  nicht  brauchen kann, was er in vollem Maße besitzt – genug, liebes Kind, es ist eine peinliche Lage, deren Qual er doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit empfindet. Ich dachte doch, sagte Charlotte, ihm wären von verschiedenen Orten Anerbietungen geschehen. Ich hatte selbst um seinetwillen an manche tätige Freunde und Freundinnen geschrieben, und soviel ich weiß, blieb dies auch nicht ohne Wirkung. Ganz    recht,    versetzte    Eduard;    aber    selbst    diese    verschiedenen    Gelegenheiten,    diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe. Keines von den Verhältnissen ist ihm gemäß. Er soll nicht wirken; er soll sich aufopfern, seine Zeit, seine Gesinnungen, seine Art zu sein, und das ist ihm unmöglich. Je mehr ich das alles betrachte, je mehr ich es fühle, desto lebhafter wird der Wunsch, ihn bei uns zu sehen. Es ist recht schön und liebenswürdig von dir, versetzte Charlotte, daß du des Freundes Zustand mit so viel Teilnahme bedenkst; allein erlaube mir, dich aufzufordern, auch deiner, auch unser zu gedenken. Das  habe  ich  getan,  entgegnete  ihr  Eduard.  Wir  können  von  seiner  Nähe  uns  nur  Vorteil  und Annehmlichkeit versprechen. Von dem Aufwande will ich nicht reden, der auf alle Fälle gering für mich wird, wenn er zu uns zieht; besonders wenn ich zugleich bedenke, daß uns seine Gegenwart nicht  die  mindeste  Unbequemlichkeit  verursacht.  Auf  dem  rechten  Flügel  des  Schlosses  kann  er wohnen,  und  alles  andere  findet  sich.  Wie  viel  wird  ihm  dadurch  geleistet,  und  wie  manches Angenehme  wird  uns  durch  seinen  Umgang,  ja  wie  mancher  Vorteil!  Ich  hätte  längst  eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewünscht; er wird sie besorgen und leiten. Deine Absicht ist,  selbst  die  Güter  künftig  zu  verwalten,  sobald die Jahre der gegenwärtigen Pächter verflossen sind. Wie bedenklich ist ein solches Unternehmen! Zu wie manchen Vorkenntnissen kann er uns nicht verhelfen! Ich fühle nur zu sehr, daß mir ein Mann dieser Art abgeht. Die Landleute haben die rechten  Kenntnisse;  ihre  Mitteilungen  aber  sind  konfus und nicht ehrlich. Die Studierten aus der Stadt  und  von  den  Akademien  sind  wohl  klar  und  ordentlich,  aber  es  fehlt  an  der  unmittelbaren Einsicht in die Sache. Vom Freunde kann ich mir beides versprechen; und dann entspringen noch hundert andere Verhältnisse daraus, die ich mir alle gern vorstellen mag, die auch auf dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe. Nun danke ich dir, daß du mich freundlich angehört hast; jetzt sprich aber auch recht frei und umständlich und sage mir alles, was du zu sagen hast; ich will dich nicht unterbrechen. Recht  gut,  versetzte  Charlotte:  so  will  ich  gleich  mit  einer  allgemeinen  Bemerkung  anfangen. Die Männer denken mehr auf das Einzelne, auf das Gegenwärtige, und das mit Recht, weil sie zu tun, zu wirken berufen sind; die Weiber hingegen mehr auf das, was im Leben zusammenhängt, und das   mit   gleichem   Rechte,   weil   ihr   Schicksal,   das   Schicksal   ihrer   Familien,   an   diesen Zusammenhang geknüpft ist, und auch gerade dieses Zusammenhängende von ihnen gefordert wird. Laß uns deswegen einen Blick auf unser gegenwärtiges, auf unser vergangenes Leben werfen, und du wirst mir eingestehen, daß die Berufung des Hauptmanns nicht so ganz mit unsern Vorsätzen, unsern Planen, unsern Einrichtungen zusammentrifft. Mag ich doch so gern unserer frühsten Verhältnisse gedenken! Wir liebten einander als junge Leute  recht  herzlich;  wir  wurden  getrennt:  du  von  mir,  weil  dein  Vater,  aus  nie  zu  sättigender 4
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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