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Die Wahlverwandtschaften

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Nun  aber  brachte  der  Blick  in  Eduards  Gemüt  diesen  Vorschlag  bei  der  Baronesse  ganz  zur vorsätzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses in ihr vorging, um desto mehr schmeichelte sie äußerlich   Eduards   Wünschen.   Denn   niemand   besaß   sich   mehr   als   diese   Frau,   und   diese Selbstbeherrschung  in  außerordentlichen  Fällen  gewöhnt  uns,  sog ar  einen  gemeinen  Fall  mit Verstellung zu behandeln, macht uns geneigt, indem wir so viel Gewalt über uns selbst üben, unsre Herrschaft auch über die andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir äußerlich gewinnen, für dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermaßen schadlos zu halten. An diese Gesinnung schließt sich meist eine Art heimlicher Schadenfreude über die Dunkelheit der andern, über das Bewußtlose, womit sie in eine Falle gehen. Wir freuen uns nicht allein über das gegenwärtige Gelingen, sondern zugleich auch auf die künftig überraschende Beschämung. Und so  war  die  Baronesse  boshaft  genug,  Eduarden  zur  Weinlese  auf  ihre  Güter  mit  Charlotten einzuladen  und  die  Frage  Eduards:  ob  sie  Ottilien  mitbringen  dürften,  auf  eine  Weise,  die  er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten. Eduard sprach schon mit Entzücken von der herrlichen Gegend, dem großen Flusse, den Hügeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlössern, von Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter, wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut über den Eindruck freute, den dergleichen Szenen auf  das frische Gemüt Ottiliens machen würden. In diesem Augenblick sah man Ottilien herankommen, und die Baronesse sagte schnell zu Eduard, er möchte von dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden: denn gewöhnlich geschähe das nicht, worauf  man  sich  so  lange  voraus  freue.  Eduard  versprach,  nötigte  sie  aber  Ottilien  entgegen geschwinder  zu  gehen,  und  eilte  ihr  endlich,  dem  lieben  Kinde  zu,  mehrere  Schritte  voran.  Eine herzliche Freude drückte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er küßte ihr die Hand, in die er einen Strauß Feldblumen drückte, die er unterwegs zusammengepflückt hatte. Die Baronesse fühlte sich bei diesem Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn wenn sie auch das, was an dieser Neigung strafbar  sein  mochte,  nicht  billigen  durfte,  so  konnte  sie  das,  was  daran  liebenswürdig  und angenehm war, jenem unbedeutenden Neuling von Mädchen keineswegs gönnen. Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine völlig andre Stimmung in der Gesellschaft  verbreitet.  Der  Graf,  der  schon  vor  Tische  geschrieben  und  den  Boten  fortgeschickt hatte,  unterhielt  sich  mit  dem  Hauptmann,  den  er  auf  eine  verständige  und  bescheidene  Weise immer mehr ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite gebracht hatte. Die zur Rechten des  Grafen  sitzende  Baronesse  fand  von  daher  wenig  Unterhaltung;  ebensowenig  an  Eduard,  der erst durstig, dann aufgeregt, des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen hatte, wie von der andern Seite neben dem Hauptmann Charlotte saß, der es schwer, ja beinahe unmöglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen. Die   Baronesse   hatte   Zeit   genug,   Beobachtungen   anzustellen.   Sie   bemerkte   Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhältnis zu Ottilien im Sinn hatte, so überzeugte sie sich leicht,   auch   Charlotte   sei   bedenklich   und   verdrießlich   über   ihres   Gemahls   Benehmen,   und überlegte, wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen könne. Auch  nach  Tische  fand  sich  ein  Zwiespalt  in  der  Gesellschaft.  Der  Graf,  der  den  Hauptmann recht   ergründen   wollte,   brauchte   bei   einem   so   ruhigen,   keineswegs   eitlen   und   überhaupt lakonischen  Manne  verschiedene  Wendungen,  um  zu  erfahren,  was  er  wünschte.  Sie  gingen miteinander  an  der  einen  Seite  des  Saales  auf  und  ab,  indes  Eduard,  aufgeregt  von  Wein  und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster scherzte, Charlotte und die Baronesse aber stillschweigend an  der  andern  Seite  des  Saals  nebeneinander  hin  und  wider  gingen.  Ihr  Schweigen  und  müßiges Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die übrige Gesellschaft. Die Frauen zogen sich zurück auf ihren Flügel, die Männer auf den andern, und so schien dieser Tag abgeschlossen. Elftes Kapitel 38
  
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