Titel:

Die Wahlverwandtschaften

Startseite
english
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< Anfang     < Zurück     Index     Weiter >     Ende >>|
  Wir empfehlen:       
 

überhaupt die Heiraten – verzeihen Sie mir einen lebhafteren Ausdruck – etwas Tölpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhältnisse, und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht sich von selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das andre nunmehr seiner Wege gehe. In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein für allemal dies Gespräch abbrechen wollte, von einer  kühnen  Wendung  Gebrauch;  es  gelang  ihr.  Die  Unterhaltung  ward  allgemeiner,  die  beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlaßt, sich zu äußern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen, woran der in zierlichen Fruchtkörben aufgestellte   Obstreichtum,   die   bunteste   in   Prachtgefäßen   schön   verteilte   Blumenfülle,   den vorzüglichsten Anteil hatte. Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die  man  sogleich  nach  Tische  besuchte.  Ottilie  zog  sich  unter  dem  Vorwande  häuslicher Beschäftigungen zurück; eigentlich aber setzte sie sich wieder zur Abschrift. Der Graf wurde von dem  Hauptmann  unterhalten;  später  gesellte  sich  Charlotte  zu  ihm.  Als  sie  oben  auf  die  Höhe gelangt waren und der Hauptmann gefällig hinuntereilte, um den Plan zu holen, sagte der Graf zu Charlotten:  Dieser  Mann  gefällt  mir  außerordentlich.  Er  ist  sehr  wohl  und  im  Zusammenhang unterrichtet. Ebenso scheint seine Tätigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, würde in einem höhern Kreise von viel Bedeutung sein. Charlotte  vernahm  des  Hauptmanns  Lob  mit  innigem  Behagen.  Sie  faßte  sich  jedoch  und bekräftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie überrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: Diese  Bekanntschaft  kommt  mir  sehr  zu  gelegener  Zeit.  Ich  weiß  eine  Stelle,  an  die  der  Mann vollkommen paßt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem ich ihn glücklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste verbinden. Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf bemerkte nichts: denn die Frauen, gewohnt sich jederzeit zu bändigen, behalten in den außero rdentlichsten Fällen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung. Doch hörte sie schon nicht mehr, was der Graf sagte, indem er fortfuhr: Wenn ich von etwas überzeugt bin, geht es bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief im Kopfe zusammengestellt, und mich drängt’s, ihn zu schreiben. Sie verschaffen mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann. Charlotte  war  innerlich  zerrissen.  Von  diesen  Vorschlägen  so  wie  von  sich  selbst  überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf fuhr glücklicherweise fort, von seinen Planen für den Hauptmann zu sprechen, deren Günstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel. Es war Zeit, daß  der  Hauptmann  herauftrat  und  seine  Rolle  vor  dem  Grafen  entfaltete.  Aber  mit  wie  andern Augen sah sie den Freund an, den sie verlieren sollte! Mit einer notdürftigen Verbeugung wandte sie sich weg und eilte hinunter nach der Mooshütte. Schon auf halbem Wege stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und nun warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und überließ sich ganz einem Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Möglichkeit sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte. Auf  der  andern  Seite  war  Eduard  mit  der  Baronesse  an  den  Teichen  hergegangen.  Die  kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein mochte, bemerkte bald in einem tastenden Gespräch, daß Eduard sich zu Ottiliens Lobe weitläufig herausließ, und wußte ihn auf eine so natürliche Weise nach  und  nach  in  den  Gang  zu  bringen,  daß  ihr  zuletzt  kein  Zweifel  übrig  blieb,  hier  sei  eine Leidenschaft nicht auf dem Wege, sondern wirklich angelangt. Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben, stehen doch stillschweigend miteinander,  besonders  gegen  junge  Mädchen,  im  Bündnis.  Die  Folgen  einer  solchen  Zuneigung stellten sich ihrem weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar. Dazu kam noch, daß sie schon heute  früh  mit  Charlotten  über  Ottilien  gesprochen  und  den  Aufenthalt  dieses  Kindes  auf  dem Lande,  besonders  bei  seiner  stillen  Gemütsart,  nicht  gebilligt  und  den  Vorschlag  getan  hatte, Ottilien  in  die  Stadt  zu  einer  Freundin  zu  bringen,  die  sehr  viel  an  die   Erziehung  ihrer  einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle Vorteile mitgenießen solle. Charlotte hatte sich’s zur Überlegung genommen. 37
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< Anfang     < Zurück     Index     Weiter >     Ende >>| 

Zurück zu Themenseiten:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

Das Setzen von Verweisen (Links) auf diese Seite ist gestattet und bedarf keine vorherige Absprache.
   
  Startseite  |  english  |  Bookmark setzen  |  Webseite weiterempfehlen  |  Impressum