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Die Wahlverwandtschaften

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für sich durchzugehen. Man sah sich des Tages weniger, und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends auf. Ottilie  war  indessen  schon  völlig  Herrin  des  Haushaltes,  und  wie  konnte  es  anders  sein,  bei ihrem  stillen  und  sichern  Betragen.  Auch  war  ihre  ganze  Sinnesweise  dem  Hause  und  dem Häuslichen mehr als der Welt, mehr als dem Leben im Freien zugewendet. Eduard bemerkte bald, daß  sie  eigentlich  nur  aus  Gefälligkeit  in  die  Gegend  mitging,  daß  sie  nur  aus  geselliger  Pflicht abends länger draußen verweilte, auch wohl manchmal einen Vorwand häuslicher Tätigkeit suchte, um  wieder  hineinzugehen.  Sehr  bald  wußte  er  daher  die  gemeinschaftlichen  Wanderungen  so einzurichten,  daß  man  vor  Sonnenuntergang  wieder  zu  Hause  war,  und  fing  an,  was  er  lange unterlassen  hatte,  Gedichte  vorzulesen,  solche  besonders,  in  deren  Vortrag  der  Ausdruck  einer reinen, doch leidenschaftlichen Liebe zu legen war. Gewöhnlich saßen sie abends um einen kleinen Tisch, auf hergebrachten Plätzen: Charlotte auf dem  Sofa,  Ottilie  auf  einem  Sessel  gegen  ihr  über,  und  die  Männer  nahmen  die  beiden  andern Seiten ein. Ottilie saß Eduarden zur Rechten, wohin er auch das Licht schob, wenn er las. Alsdann rückte sich Ottilie wohl näher, um ins Buch zu  sehen: denn auch sie traute ihren eigenen Augen mehr als fremden Lippen; und Eduard gleichfalls rückte zu, um es ihr auf alle Weise bequem zu machen; ja er hielt oft längere Pausen als nötig, damit er nur nicht eher umwendete, bis auch sie zu Ende der Seite gekommen. Charlotte  und  der  Hauptmann  bemerkten  es  wohl  und  sahen  manchmal  einander  lächelnd  an; doch wurden beide von einem andern Zeichen überrascht, in welchem sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich offenbarte. An  einem  Abende,  welcher  der  kleinen  Gesellschaft  durch  einen  lästigen  Besuch   zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch beisammen zu bleiben. Er fühlte sich aufgelegt, seine  Flöte  vorzunehmen,  welche  lange  nicht  an  die  Tagesordnung  gekommen  war.  Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie zusammen gewöhnlich auszuführen pflegten, und da sie nicht zu finden waren, gestand Ottilie nach einigem Zaudern, daß sie solche mit auf ihr Zimmer genommen. Und Sie können, Sie wollen mich auf dem Flügel begleiten? rief Eduard, dem die Augen vor Freude glänzten. Ich glaube wohl, versetzte Ottilie, daß es gehen wird. Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier. Die Zuhörenden waren aufmerksam und überrascht, wie vollkommen Ottilie das Musikstück für sich selbst eingelernt hatte, aber noch mehr überrascht, wie sie es der Spielart Eduards anzupassen wußte. Anzupassen wußte ist nicht der rechte Ausdruck: denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing, ihrem bald zögernden bald voreilenden Gatten  zuliebe,  hier  anzuhalten,  dort  mitzugehen,  so  schien  Ottilie,  welche  die  Sonate  von  jenen einigemal  spielen  gehört,  sie  nur  in  dem  Sinne  eingelernt  zu  haben,  wie  jener  sie  begleitete.  Sie hatte seine Mängel so zu den ihrigen gemacht, daß daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar nicht taktgemäß bewegte, aber doch höchst angenehm und gefällig lautete. Der  Komponist  selbst  hätte  seine  Freude  daran  gehabt,  sein  Werk  auf  eine  so  liebevolle  Weise entstellt zu sehen. Auch   diesem   wundersamen   unerwarteten   Begegnis   sahen   der   Hauptmann   und   Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu, wie man oft kindische Handlungen betrachtet, die man wegen  ihrer  besorglichen  Folgen  gerade  nicht  billigt  und  doch  nicht  schelten  kann,  ja  vielleicht beneiden muß. Denn eigentlich war die Neigung dieser beiden eben so gut im Wachsen als jene, und  vielleicht  nur  noch  gefährlicher  dadurch,  daß  beide  ernster,  sicherer  von  sich  selbst,  sich  zu halten fähiger waren. Schon   fing   der   Hauptmann   an   zu   fühlen,   daß   eine   unwiderstehliche   Gewohnheit   ihn   an Charlotten  zu  fesseln  drohte.  Er  gewann  es  über  sich,  den  Stunden  auszuweichen,  in  denen Charlotte  nach  den  Anlagen  zu  kommen  pflegte,  indem  er  schon  am  frühsten  Morgen  aufstand, alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf seinen Flügel ins Schloß zurückzog. Die ersten Tage hielt es Charlotte für zufällig; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen; dann glaubte sie ihn zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr. Vermied  nun  der  Hauptmann,  mit  Charlotten  allein  zu  sein,  so  war  er  desto  emsiger,  zur glänzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu betreiben und zu beschleunigen: 29
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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