Titel:

Die Wahlverwandtschaften

Startseite
english
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< Anfang     < Zurück     Index     Weiter >     Ende >>|
  Wir empfehlen:       
 

Schoß  versteckt,  nicht  aus  Furcht,  sondern  aus  kindischer  Überraschung.  Sie  hätte  dazu  setzen können: weil er so lebhaften Eindruck auf sie gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen. Bei  solchen  Verhältnissen  waren  manche  Geschäfte,  welche  die  beiden  Freunde  zusammen früher vorgenommen, gewissermaßen in Stocken geraten, so daß sie für nötig fanden, sich wieder eine Übersicht zu verschaffen, einige Aufsätze zu entwerfen, Briefe zu schreiben. Sie bestellten sich deshalb auf ihre Kanzlei, wo sie den alten Kopisten müßig fanden. Sie gingen an die Arbeit und gaben ihm bald zu tun, ohne zu bemerken, daß sie ihm manches aufbürdeten, was sie sonst selbst zu verrichten gewohnt waren. Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann, gleich der erste Brief Eduarden  nicht  gelingen.  Sie  quälten  sich  eine  Zeitlang  mit  Konzipieren  und  Umschreiben,  bis endlich Eduard, dem es am wenigsten vonstatten ging, nach der Zeit fragte. Da zeigte sich denn, daß der Hauptmann vergessen hatte, seine chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen,  das  erstemal  seit  vielen  Jahren;  und  sie  schienen,  wo  nicht  zu  empfinden,  doch  zu ahnen, daß die Zeit anfange ihnen gleichgültig zu werden. Indem  so  die  Männer  einigermaßen  in  ihrer  Geschäftigkeit  nachließen,  wuchs  vielmehr  die Tätigkeit  der  Frauen.  Überhaupt  nimmt  die  gewöhnliche  Lebensweise  einer  Familie,  die  aus  den gegebenen Personen und aus notwendigen Umständen entspringt, auch wohl eine außerordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft, in sich wie ein Gefäß auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses neue Ingrediens eine merkliche Gärung verursacht und schäumend über den Rand schwillt. Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen von der angenehmsten Wirkung.   Die   Gemüter   öffneten   sich,   und   ein   allgemeines   Wohlwollen   entsprang   aus   dem besonderen. Jeder Teil fühlte sich glücklich und gönnte dem andern sein Glück. Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das Unermeßliche. So waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung befangen. Ihre Spaziergänge dehnten sich weiter aus, und wenn  dabei Eduard mit Ottilien,  die  Pfade  zu  wählen,  die  Wege  zu  bahnen,  vorauseilte,  so  folgte  der  Hauptmann  mit Charlotten  in  bedeutender  Unterhaltung,  teilnehmend  an  manchem  neuentdeckten  Plätzchen,  an mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren Vorgäng er. Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schloßpforte des rechten Flügels hinunter nach dem  Gasthofe,  über  die  Brücke  gegen  die  Teiche  zu,  an  denen  sie  hingingen,  so  weit  man gewöhnlich das Wasser verfolgte, dessen Ufer sodann, von einem buschigen Hügel und weiterhin von Felsen eingeschlossen, aufhörte gangbar zu sein. Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war, drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl wissend, daß die alte zwischen Felsen versteckte Mühle nicht weit abliegen konnte. Allein der wenig betretene Pfad verlor sich bald, und sie fanden sich im dichten Gebüsch zwischen moosigem Gestein verirrt, doch nicht lange: denn das Rauschen der Räder verkündigte ihnen sogleich die Nähe des gesuchten Ort es. Auf  eine  Klippe  vorwärts  tretend,  sahen  sie  das  alte,  schwarze,  wunderliche  Holzgebäude  im Grunde  vor  sich,  von  steilen  Felsen  sowie  von  hohen  Bäumen  umschattet.  Sie  entschlossen  sich kurz und gut, über Moos und Felstrümmer hinabzusteigen: Eduard voran; und wenn er nun in die Höhe sah, und Ottilie leicht schreitend, ohne Furcht und Ängstlichkeit im schönsten Gleichgewicht von Stein zu Stein ihm folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das über ihm schwebte. Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine ausgestreckte Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter stützte, dann konnte er sich nicht verleugnen, daß es das zarteste weibliche Wesen sei, das ihn  berührte.  Fast  hätte  er  gewünscht,  sie  möchte  straucheln,  gleiten,  daß  er  sie  in  seine  Arme auffangen, sie an sein Herz drücken könnte. Doch dies hätte er unter keiner Bedingung getan, aus mehr als einer Ursache: er fürchtete sie zu beleidigen, sie zu beschä digen. Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich. Denn als er nun herabgelangt, ihr unter den hohen Bäumen   am   ländlichen   Tische   gegenüber   saß,   die   freundliche   Müllerin   n ach   Milch,   der bewillkommende  Müller  Charlotten  und  dem  Hauptmann entgegen gesandt war, fing Eduard mit einigem Zaudern zu sprechen an. 26
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< Anfang     < Zurück     Index     Weiter >     Ende >>| 

Zurück zu Themenseiten:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

Das Setzen von Verweisen (Links) auf diese Seite ist gestattet und bedarf keine vorherige Absprache.
   
  Startseite  |  english  |  Bookmark setzen  |  Webseite weiterempfehlen  |  Impressum