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Die Wahlverwandtschaften

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Sie stand auf, und Charlotte umarmte sie herzlich. Sie ward den Männern vorgestellt und gleich mit  besonderer  Achtung  als  Gast  behandelt.  Schönheit ist überall ein gar willkommner Gast. Sie schien aufmerksam auf das Gespräch, ohne daß sie daran teilgenommen hätte. Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten: Es ist ein angenehmes unterhaltendes Mädchen. Unterhaltend? versetzte Charlotte mit Lächeln: sie hat ja den Mund noch nicht aufgetan. So? erwiderte Eduard, indem er sich zu besinnen schien: das wäre doch wunderbar! Charlotte  gab  dem  neuen  Ankömmling  nur  wenige  Winke,  wie  es  mit  dem  Hausgeschäfte  zu halten sei. Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung eingesehen, ja, was noch mehr ist, empfunden. Was  sie  für  alle,  für  einen  jeden  insbesondre  zu  besorgen  hatte,  begriff  sie  leicht.  Alles  geschah pünktlich.  Sie  wußte  anzuordnen,  ohne  daß  sie  zu  befehlen  schien,  und  wo  jemand  säumte, verrichtete sie das Geschäft gleich selbst. Sobald sie gewahr wurde, wie viel Zeit ihr übrig blieb, bat sie Charlotten ihre Stunden einteilen zu dürfen, die nun genau beobachtet wurden. Sie arbeitete das Vorgesetzte auf eine Art, von der Charlotte  durch  den  Gehilfen  unterrichtet  war.  Man  ließ  sie  gewähren.  Nur  zuweilen  suchte Charlotte sie anzuregen. So schob sie ihr manchmal abgeschriebene Federn unter, um sie auf einen freieren Zug der Handschrift zu leiten; aber auch diese waren bald wieder scharf geschnitten. Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt, französisch zu reden, wenn sie allein wären; und  Charlotte  beharrte  um  so  mehr  dabei,  als  Ottilie  gesprächiger  in  der  fremden  Sprache  war, indem man ihr die Übung derselben zur Pflicht gemacht hatte. Hier sagte sie oft mehr, als sie zu wollen  schien.  Besonders  ergötzte  sich  Charlotte  an  einer  zufälligen,  zwar  genauen,  aber  doch liebevollen Schilderung der ganzen Pensionsanstalt. Ottilie ward ihr eine liebe Gesellschafterin, und sie hoffte dereinst an ihr eine zuverlässige Freundin zu finden. Charlotte nahm indes die älteren Papiere wieder vor, die sich auf Ottilien bezogen, um sich in Erinnerung zu bringen, was die Vorsteherin, was der Gehilfe über das gute Kind geurteilt, um es mit ihrer Persönlichkeit selbst zu vergleichen. Denn Charlotte war der  Meinung, man könne nicht geschwind genug mit dem Charakter der Menschen bekannt werden, mit denen man zu leben hat, um zu wissen, was sich von ihnen erwarten, was sich an ihnen bilden läßt, oder was man ihnen ein für allemal zugestehen und verzeihen muß. Sie   fand   zwar   bei   dieser   Untersuchung   nichts   Neues,   aber   manches   Bekannte   ward   ihr bedeutender  und  auffallender.  So  konnte  ihr  zum  Beispiel  Ottiliens  Mäßigkeit  im  Essen  und Trinken wirklich Sorge machen. Das Nächste, was die Frauen beschäftigte, war der Anzug. Charlotte verlangte von Ottilien, sie solle in Kleidern reicher und mehr ausgesucht erscheinen. Sogleich schnitt das gute tätige Kind die ihr früher geschenkten Stoffe selbst zu und wußte sie sich, mit geringer Beihilfe anderer, schnell und höchst zierlich anzupassen. Die neuen modischen Gewänder erhöhten ihre Gestalt: denn indem das Angenehme einer Person sich auch über ihre Hülle verbreitet, so glaubt man sie immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen, wenn sie ihre Eigenschaften einer neuen Umgebung mitteilt. Dadurch ward sie den Männern, wie von Anfang so immer mehr, daß wir es nur mit dem rechten Namen nennen, ein wahrer Augentrost. Denn wenn der Smaragd durch seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar einige Heilkraft an diesem edlen Sinn ausübt, so wirkt die menschliche Schönheit  noch  mit  weit  größerer  Gewalt  auf  den  äußern  und  innern  Sinn.  Wer  sie  erblickt,  den kann nichts Übles anwehen; er fühlt sich mit sich selbst und mit der Welt in Übereinstimmung. Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft gewonnen. Die beiden Freunde hielten regelmäßiger die Stunden, ja die Minuten der Zusammenkünfte. Sie ließen weder zum  Essen,  noch  zum  Tee,  noch  zum  Spaziergang  länger  als  billig  auf  sich  warten.  Sie  eilten, besonders abends, nicht so bald von Tische weg. Charlotte bemerkte das wohl und ließ beide nicht unbeobachtet. Sie suchte zu erforschen, ob einer  vor dem andern hiezu den Anlaß gäbe; aber sie konnte   keinen   Unterschied   bemerken.   Beide   zeigten   sich   überhaupt   geselliger.   Bei   ihren Unterhaltungen  schienen  sie  zu  bedenken,  was  Ottiliens  Teilnahme  zu  erregen  geeignet  sein möchte, was ihren Einsichten, ihren übrigen  Kenntnissen gemäß wäre. Beim Lesen und Erzählen hielten sie inne, bis sie wiederkam. Sie wurden milder und im ganzen mitteilender. 22
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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