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Die Wahlverwandtschaften

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die Augen bringen werden. Ich will dich – sagte sie zu Eduard gewendet – jetzt im Vorlesen nicht weiter stören, und um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag mit Aufmerksamkeit vernehmen. Da  du  uns  einmal  aufgerufen  hast,  versetzte  Eduard,  so  kommst  du  so  leicht  nicht  los:  denn eigentlich sind die verwickelten Fälle die interessantesten. Erst bei  diesen lernt man die Grade der Verwandtschaften,    die    nähern    stärkern,    entferntern    geringern    Beziehungen    kennen;    die Verwandtschaften werden erst interessant, wenn sie Scheidungen bewirken. Kommt das traurige Wort, rief Charlotte, das man leider in der Welt jetzt so oft hört, auch in der Naturlehre vor? Allerdings, erwiderte Eduard. Es war sogar ein bezeichnender Ehrentitel der Chemiker, daß man sie Scheidekünstler nannte. Das tut man also nicht mehr, versetzte Charlotte, und tut sehr wohl daran. Das Vereinigen ist eine größere Kunst, ein größeres Verdienst. Ein Einungskünstler wäre in jedem Fache der ganzen Welt willkommen. – Nun, so laßt mich denn, weil ihr doch einmal im Zuge seid, ein paar solche Fälle wissen. So schließen wir uns denn gleich, sagte der Hauptmann, an dasjenige wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum Beispiel was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger  reine  Kalkerde,  innig  mit  einer  zarten  Säure  verbunden,  die  uns  in  Luftform  bekannt geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips; jene zarte luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt würde. Verzeihen  Sie  mir,  sagte  Charlotte,  wie  ich  dem  Naturforscher  verzeihe;  aber  ich  würde  hier niemals eine Wahl, eher eine Naturnotwendigkeit erblicken, und diese kaum; denn es ist am Ende vielleicht gar nur die Sache der Gelegenheit. Gelegenheit macht Verhältnisse wie sie Diebe macht; und wenn von Ihren Naturkörpern die Rede ist, so scheint mir die Wahl bloß in den Händen des Chemikers  zu  liegen,  der  diese  Wesen  zusammenbringt.  Sind  sie  aber  einmal  beisammen,  dann gnade ihnen Gott! In dem gegenwärtigen Falle dauert mich nur die arme Luftsäure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben muß. Es kommt nur auf sie an, versetzte der Hauptmann, sich mit dem Wasser zu verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur Erquickung zu dienen. Der Gips hat gut reden, sagte Charlotte, der ist nun fertig, ist ein Körper, ist versorgt, anstatt daß jenes ausgetriebene Wesen noch manche Not haben kann, bis es wieder unterkommt. Ich  müßte  sehr  irren,  sagte  Eduard  lächelnd,  oder  es  steckt  eine  kleine  Tücke  hinter  deinen Reden.  Gesteh  nur  deine  Schalkheit!  Am  Ende  bin  ich  in  deinen  Augen  der  Kalk,  der  vom Hauptmann, als einer Schwefelsäure ergriffen, deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktären Gips verwandelt wird. Wenn das Gewissen, versetzte Charlotte, dich solche Betrachtungen machen heißt, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten?  Aber  der  Mensch  ist  doch  um  so  manche  Stufe  über  jene  Elemente  erhöht,  und wenn er hier mit den schönen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigebig gewesen, so tut  er  wohl,  wieder  in  sich  selbst  zurückzukehren  und  den  Wert  solcher  Ausdrücke  bei  diesem Anlaß  recht  zu  bedenken.  Mir  sind  leider  Fälle  genug  bekannt,  wo  eine  innige  unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentliche Zugesellung eines dritten aufgehoben, und eins der erst so schön verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward. Da sind die Chemiker viel galanter, sagte Eduard: sie gesellen ein viertes dazu, damit keines leer ausgehe. Jawohl!   versetzte   der   Hauptmann:   diese   Fälle   sind   allerdings   die   bedeutendsten   und merkwürdigsten,  wo  man  das  Anziehen,  das  Verwandtsein,  dieses  Verlassen,  dieses  Vereinigen gleichsam  übers  Kreuz,  wirklich  darstellen  kann;  wo  vier,  bisher  je  zwei  zu  zwei  verbundene, Wesen in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden. In  diesem  Fahrenlassen  und  Ergreifen,  in  diesem  Fliehen  und  Suchen  glaubt  man  wirklich  eine 18
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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