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Die Wahlverwandtschaften

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Kann  man  aber  die  Mittelglieder  finden  und  ihr  deutlich  machen,  so  ist  ihr  das  Schwerste begreiflich. Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschülerinnen zurück, die mit ganz andern  Fähigkeiten  immer  vorwärts  eilen,  alles,  auch  das  Unzusammenhängende,  leicht  fassen, leicht behalten und bequem wieder anwenden. So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten Lehrvortrage gar nichts, wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche von trefflichen, aber raschen und  ungeduldigen  Lehrern  gegeben  werden.  Man  hat  über  ihre  Handschrift  geklagt,  über  ihre Unfähigkeit, die Regeln der Grammatik zu fassen. Ich habe diese Beschwerde näher untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so will, doch nicht zaghaft und ungestalt. Was ich ihr von der französischen Sprache, die zwar mein Fach nicht ist, schrittweise mitteilte, begriff sie leicht. Freilich ist es wunderbar, sie weiß vieles und recht gut, nur wenn man sie fragt, scheint sie nichts zu wissen. Soll  ich  mit  einer  allgemeinen  Bemerkung  schließen,  so  möchte  ich  sagen:  sie  lernt  nicht  als eine, die erzogen werden soll, sondern als eine, die erziehen will, nicht als Schülerin, sondern als künftige Lehrerin. Vielleicht kommt es Euer Gnaden sonderbar vor, daß ich selbst als Erzieher und Lehrer  jemanden  nicht  mehr  zu  loben  glaube,  als  wenn  ich  ihn  für  meinesgleichen  erkläre.  Euer Gnaden  bessere  Einsicht,  tiefere  Menschen-  und  Weltkenntnis  wird  aus  meinen  beschränkten wohlgemeinten Worten das Beste nehmen. Sie werden sich überzeugen, daß auch an diesem Kinde viel  Freude  zu  hoffen  ist.  Ich  empfehle  mich  zu  Gnaden  und  bitte  um  die  Erlaubnis,  wieder  zu schreiben, sobald ich glaube, daß mein Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes enthalten werde. Charlotte  freute  sich  über  dieses  Blatt.  Sein  Inhalt  traf  ganz  nahe  mit  den  Vorstellungen zusammen,  welche  sie  von  Ottilien  hegte;  dabei  konnte  sie  sich  eines  Lächeln s  nicht  enthalten, indem der Anteil des Lehrers herzlicher zu sein schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines Zöglings  hervorzubringen  pflegt.  Bei  ihrer  ruhigen,  vorurteilsfreien  Denkweise  ließ  sie  auch  ein solches Verhältnis, wie so viele andre, vor sich liegen; die Teilnahme des verständigen Mannes an Ottilien  hielt  sie  wert:  denn  sie  hatte  in  ihrem  Leben  genugsam  einsehen  gelernt,  wie  hoch  jede wahre Neigung zu schätzen sei, in einer Welt, wo Gleichgültigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind. Viertes Kapitel Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen, nach einem ziemlich großen Maßstabe, charakteristisch und faßlich durch Federstriche und Farben dargestellt war, und welche  der  Hauptmann  durch  einige  trigonometrische  Messungen  sicher  zu  gründen  wußte,  war bald fertig: denn weniger Schlaf als dieser tätige Mann bedurfte kaum jemand, so wie sein Tag stets dem augenblicklichen Zwecke gewidmet und deswegen jederzeit am Abende etwas getan war. Laß uns nun, sagte er zu seinem Freunde, an das übrige gehen, an die Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein muß, aus der sich nachher Pachtanschläge und anderes schon entwickeln  werden.  Nur  eines  laß  uns  festsetzen  und  einrichten:  trenne  alles,  was  eigentlich Geschäft  ist,  vom  Leben.  Das  Geschäft  verlangt  Ernst  und  Strenge,  das  Leben  Willkür;  das Geschäft die reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswürdig und erheiternd. Bist du bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto freier sein; anstatt daß bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie weggerissen und aufgehoben wird. Eduard fühlte in diesen Vorschlägen einen leisen Vorwurf. Zwar von Natur nicht unordentlich, konnte  er  doch  niemals  dazu  kommen,  seine  Papiere  nach  Fächern  abzuteilen.  Das,  was  er  mit andern  abzutun  hatte,  was  bloß  von  ihm  selbst  abhing,  es  war  nicht  geschieden;  so  wie  er  auch Geschäfte   und   Beschäftigung,   Unterhaltung   und   Zerstreuung   nicht   genugsam   voneinander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag. 14
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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