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Die Wahlverwandtschaften

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auf  sich  selbst  zurückgewiesen,  starr,  in  sich  gekehrt,  mit  niedergesenkten  Armen,  gefalteten, mitleidig gerungenen Händen, Haupt und Blick nach der Entseelten hinge neigt. Schon  einmal  hatte  er  so  vor  Belisar  gestanden.  Unwillkürlich  geriet  er  jetzt  in  die  gleiche Stellung; und wie natürlich war sie auch diesmal! Auch hier war etwas unschätzbar Würdiges von seiner  Höhe  herabgestürzt:  und  wenn  dort  Tapferkeit,  Klugheit,  Macht,  Rang  und  Vermögen  in einem Manne als unwiederbringlich verloren bedauert wurden; wenn Eigenschaften, die der Nation, dem Fürsten, in entscheidenden Momenten unentbehrlich sind, nicht geschätzt, vielmehr verworfen und ausgestoßen worden, so waren hier so viel andere stille Tugenden, von der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen, durch ihre gleichgültige Hand schnell wieder ausgetilgt: seltene,  schöne,  liebenswürdige  Tugenden,  deren  friedliche  Einwirkung  die  bedürftige  Welt  zu jeder Zeit mit wonnevollem Genügen umfängt und mit sehnsüchtiger Trauer vermißt. Der Jüngling schwieg, auch das Mädchen eine Zeitlang, als sie ihm aber die Tränen häufig aus dem  Auge  quellen  sah,  als  er  sich  im  Schmerz  ganz  aufzulösen  schien,  sprach  sie  mit  so  viel Wahrheit und Kraft, mit so viel Wohlwollen und Sicherheit ihm zu, daß er über den Fluß ihrer Rede erstaunt, sich zu fassen vermochte, und seine schöne Freundin ihm in einer höhern Region lebend und wirkend vorschwebte. Seine Tränen trockneten, seine Schmerzen linderten sich, kniend nahm er von Ottilien, mit einem herzlichen Händedruck von Nanny Abschied, und noch in der Nacht ritt er vom Orte weg ohne weiter jemand gesehen zu haben. Der  Wundarzt  war  die  Nacht  über,  ohne  des  Mädchens  Wissen,  in  der  Kirche  geblieben,  und fand,  als  er  sie  des  Morgens  besuchte,  sie  heiter  und  getrosten  Mutes.  Er  war  auf  mancherlei Verirrungen gefaßt; er dachte schon, sie werde ihm von nächtlichen Unterredungen mit Ottilien und von   andern   solchen   Erscheinungen   sprechen,   aber   sie   war   natürlich,   ruhig   und   sich   völlig selbstbewußt.  Sie  erinnerte  sich  vollkommen  aller  früheren  Zeiten,  aller  Zustände  mit  großer Genauigkeit, und nichts in ihren Reden schritt aus dem Gange des Wahren und Wirklichen heraus, als nur die Begebenheit beim Leichenbegängnis, die sie mit Freudigkeit oft wiederholte: wie Ottilie sich aufgerichtet, sie gesegnet, ihr verziehen, und sie dadurch für i  mer beruhigt habe. Der fortdauernd schöne, mehr schlaf- als totenähnliche Zustand Ottiliens zog mehrere Menschen herbei. Die Bewohner und Anwohner wollten sie noch sehen, und jeder mochte gern aus Nannys Munde das Unglaubliche hören; manche, um darüber zu spotten, die meisten, um daran zu zweifeln, und wenige, um sich glaubend dagegen zu verhalten. Jedes  Bedürfnis,  dessen  wirkliche  Befriedigung  versagt  ist,  nötigt  zum  Glauben.  Die  vor  den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Berührung des frommen Körpers wieder gesund geworden:  warum  sollte  nicht  auch  ein  ähnliches  Glück  hier  andern  bereitet  werden ?  Zärtliche Mütter  brachten  zuerst  heimlich  ihre  Kinder,  die  von  irgendeinem  Übel  behaftet  waren,  und  sie glaubten  eine  plötzliche  Besserung  zu  spüren.  Das  Zutrauen  vermehrte  sich,  und  zuletzt  war niemand so alt und so schwach, der sich nicht an dieser Stelle eine Erquickung und Erleichterung gesucht hätte. Der Zudrang wuchs, und man sah sich genötigt die Kapelle, ja, außer den Stunden des Gottesdienstes, die Kirche zu verschließen. Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen. Er lebte nur vor sich hin, er schien keine Träne mehr zu haben, keines Schmerzes weiter fähig zu sein. Seine Teilnahme an der Unterhaltung, sein  Genuß  von  Speis’  und  Trank  vermindert  sich  mit  jedem  Tage.  Nur  noch  einige  Erquickung scheint  er  aus  dem  Glase  zu  schlürfen,  das  ihm  freilich  kein  wahrhafter  Prophet  gewesen.  Er betrachtet  noch  immer  gern  die  verschlungenen  Namenszüge  und  sein  ernstheiterer  Blick  dabei scheint anzudeuten, daß er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe. Und wie den Glücklichen jeder  Nebenumstand  zu  begünstigen,  jedes  Ungefähr  mit  emporzuheben  scheint,  so  mögen  sich auch  gern  die  kleinsten  Vorfälle  zur  Kränkung,  zum  Verderben  des  Unglücklichen  vereinigen. Denn eines Tages, als Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte, entfernte er es mit Entsetzen wieder: es war dasselbe und nicht dasselbe; er vermißt ein kleines Kennzeichen. Man dringt in den Kammerdiener, und dieser muß gestehen: das echte Glas sei unlängst zerbrochen, und ein gleiches, auch aus Eduards Jugendzeit, untergeschoben worden. Eduard kann nicht zürnen, sein Schicksal ist ausgesprochen durch die Tat: wie soll ihn das Gleichnis rühren? Aber doch drückt es ihn tief. Der 121
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
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