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Die Wahlverwandtschaften

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Die herbstlichen Tage, an Länge jenen Frühlingstagen gleich, riefen die Gesellschaft um eben die Stunde aus dem Freien ins Haus zurück. Der Schmuck an Früchten und Blumen, der dieser Zeit eigen ist, ließ glauben, als wenn es der Herbst jenes ersten Frühlings wäre: die Zwischenzeit war ins Vergessen  gefallen.  Denn  nun  blühten  die  Blumen,  dergleichen  man  in  jenen  ersten  Tagen  auch gesäet hatte; nun reiften Früchte an den Bäumen, die man damals blühen gesehen. Der  Major  ging  ab  und  zu;  auch  Mittler  ließ  sich  öfter  sehen.  Die  Abendsitzungen  waren meistens regelmäßig. Eduard las gewöhnlich; lebhafter, gefühlvoller, besser, ja sogar heiterer, wenn man  will,  als  jemals.  Es  war,  als  wenn  er,  so  gut  durch  Fröhlichkeit  als  durch  Gefühl,  Ottiliens Erstarren wieder beleben, ihr Schweigen wieder auflösen wollte. Er setzte sich wie vormals, daß sie ihm ins Buch sehen konnte, ja er ward unruhig, zerstreut, wenn sie nicht hineinsah, wenn er nicht gewiß war, daß sie seinen Worten mit ihren Augen folgte. Jedes  unerfreuliche  unbequeme  Gefühl  der  mittleren  Zeit  war  ausgelöscht.  Keines  trug  mehr dem andern etwas nach; jede Art von Bitterkeit war verschwunden. Der Major begleitete mit der Violine   das   Klavierspiel   Charlottens,   so   wie   Eduards   Flöte   mit   Ottiliens   Behandlung   des Saiteninstruments  wieder  wie  vormals  zusammentraf.  So  rückte  man  dem  Geburtstage  Eduards näher, dessen Feier man vor einem Jahre nicht erreicht hatte. Er sollte ohne Festlichkeit in stillem freundlichem   Behagen   diesmal   gefeiert   werden.   So   war   man,   halb   stillschweigend,   halb ausdrücklich, miteinander übereingekommen. Doch je näher diese Epoche heranrückte, vermehrte sich  das  Feierliche  in  Ottiliens  Wesen,  das  man  bisher  mehr  empfunden  als  bemerkt  hatte.  Sie schien   im   Garten   oft   die   Blumen   zu   mustern;   sie   hatte   dem   Gärtner   angedeutet,   die Sommergewächse aller Art zu schonen, und sich besonders bei den Astern auf gehalten, die gerade dieses Jahr in unmäßiger Menge blühten. Achtzehntes Kapitel Das Bedeutendste jedoch, was die Freunde mit stiller Aufmerksamkeit beobachteten, war, daß Ottilie den Koffer zum erstenmal ausgepackt und daraus Verschiedenes gewählt und abgeschnitten hatte,  was  zu  einem  einzigen,  aber  ganzen  und  vollen  Anzug  hinreichte.  Als  sie  das  übrige  mit Beihilfe  Nannys  wieder  einpacken  wollte,  konnte  sie  kaum  damit  zu Stande  kommen;  der Raum war übervoll, obgleich schon ein Teil herausgenommen war. Das junge habgierige Mädchen konnte sich  nicht  satt  sehen,  besonders  da  sie  auch  für  alle  kleineren  Stü cke  des  Anzugs  gesorgt  fand. Schuhe,  Strümpfe,  Strumpfbänder  mit  Devisen,  Handschuhe  und  so  manches  andere  war  noch übrig. Sie bat Ottilien, ihr nur etwas davon zu schenken. Diese verweigerte es; zog aber sogleich die Schublade  einer  Kommode  heraus  und  ließ  das  Kind  wählen,  das  hastig  und  ungeschickt  zugriff und mit der Beute gleich davon lief, um den übrigen Hausgenossen ihr Glück zu verkünden und vorzuzeigen. Zuletzt   gelang   es   Ottilien,   alles   sorgfältig   wieder   einzuschichten;   sie   öffnete   hierauf   ein verborgenes  Fach,  das  im  Deckel  angebracht  war.  Dort  hatte  sie  kleine  Zettelchen  und  Briefe Eduards, mancherlei aufgetrocknete Blumenerinnerungen früherer Spaziergänge, eine Locke ihres Geliebten,  und  was  sonst  noch  verborgen.  Noch  eins  fügte  sie  hinzu  –  es  war  das  Porträt  ihres Vaters  –  und  verschloß  das  Ganze,  worauf  sie  den  zarten  Schlüssel  an  dem  goldnen  Kettchen wieder um den Hals an ihre Brust hing. Mancherlei Hoffnungen waren indes in dem Herzen der Freunde rege geworden. Charlotte war überzeugt,  Ottilie  werde  auf  jenen  Tag  wieder  zu  sprechen  anfangen:  denn  sie  hatte  bisher  eine heimliche Geschäftigkeit bewiesen, eine Art von heiterer Selbstzufriedenheit, ein Lächeln, wie es demjenigen  auf  dem  Gesichte  schwebt,  der  Geliebten  etwas  Gutes  und  Erfreuliches  verbirgt. Niemand wußte, daß Ottilie gar manche Stunde in großer Schwachheit hinbrachte, aus der sie sich nur für die Zeiten, wo sie erschien, durch Geisteskraft emporhielt. 117
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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