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Die Wahlverwandtschaften

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Wie höchst überrascht war Charlotte, als sie Ottilien vorfahren und Eduarden zu Pferde sogleich in  den  Schloßhof  hereinsprengen  sah.  Sie  eilte  bis  zur  Türschwelle:  Ottilie  steigt  aus  und  nähert sich mit Eduarden. Mit Eifer und Gewalt faßt sie die Hände beider Ehegatten, drückt sie zusammen und eilt auf ihr Zimmer. Eduard wirft sich Charlotten um den Hals und zerfließt in Tränen; er kann sich nicht erklären, bittet Geduld mit ihm zu haben, Ottilien beizustehen, ihr zu helfen. Charlotte eilt auf Ottiliens Zimmer, und ihr schaudert, da sie hineintritt: es war schon ganz ausgeräumt, nur die   leeren   Wände   standen   da.   Es   erschien   so   weitläufig   als   unerfreulich.   Man   hatte   alles weggetragen,  nur  das  Köfferchen,  unschlüssig,  wo  man  es  hinstellen  sollte,  in  der  Mitte  des Zimmers stehen gelassen. Ottilie lag auf dem Boden, Arm und Haupt über den Koffer gestreckt. Charlotte bemüht sich um sie, fragt was vorgegangen, und erhält keine Antwort. Sie läßt ihr Mädchen, das mit Erquickungen kommt, bei Ottilien und eilt zu Eduarden. Sie findet ihn im Saal; auch er belehrt sie nicht. Er wirft sich vor ihr nieder, er badet ihre Hände in Tränen, er flieht auf sein Zimmer, und als sie ihm nachfolgen will, begegnet ihr der Kammerdiener, der sie aufklärt,   so   weit   er   vermag.   Das   übrige   denkt   sie   sich   zusammen,   und   dann   sogleich   mit Entschlossenheit  an  das,  was  der  Augenblick  fordert.  Ottiliens  Zimmer  ist  aufs  baldigste  wieder eingerichtet. Eduard hat die seinigen angetroffen, bis auf das letzte Papier, wie er sie verlassen. Die dreie scheinen sich wieder gegeneinander zu finden; aber Ottilie fährt fort zu schweigen, und Eduard  vermag  nichts,  als  seine  Gattin  um  Geduld  zu  bitten,  die  ihm  selbst  zu  fehlen  scheint. Charlotte sendet Boten an Mittlern und an den Major. Jener war nicht anzutreffen; dieser kommt. Gegen ihn schüttet Eduard sein Herz aus, ihm gesteht er jeden kleinsten Umstand, und so erfährt Charlotte, was begegnet, was die Lage so sonderbar verändert, was die  Gemüter aufgeregt. Sie spricht aufs liebevollste mit ihrem Gemahl. Sie weiß keine andere Bitte zu tun als nur, daß man das Kind gegenwärtig nicht bestürmen möge. Eduard fühlt den Wert, die Liebe, die Vernunft seiner  Gattin;  aber  seine  Neigung  beherrscht  ihn  ausschließlich.  Charlotte  macht  ihm  Hoffnung, verspricht ihm, in die Scheidung zu willigen. Er traut nicht; er ist so krank, daß ihn Hoffnung und Glaube abwechselnd verlassen; er dringt in Charlotten, sie soll dem Major ihre Hand zusagen; eine Art von wahnsinnigem Unmut hat ihn ergriffen. Charlotte, ihn zu besänftigen, ihn zu erhalten, tut, was  er  fordert.  Sie  sagt  dem  Major  ihre  Hand  zu,  auf  den  Fall,  daß  Ottilie  sich  mit  Eduarden verbinden   wolle,   jedoch   unter   ausdrücklicher   Bedingung,   daß   die   beiden   Männer   für   den Augenblick zusammen eine Reise machen. Der Major hat für seinen Hof ein auswärtiges Geschäft, und Eduard verspricht ihn zu begleiten. Man macht Anstalten, und man beruhigt sich einigermaßen, indem wenigstens etwas geschieht. Unterdessen kann man bemerken, daß Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich nimmt, indem sie immerfort  bei  ihrem  Schweigen  verharrt.  Man  redet  ihr  zu,  sie  wird  ängstlich;  man  unterläßt  es. Denn haben wir nicht meistenteils die Schwäche, daß wir jemanden auch zu seinem Besten nicht gern quälen mögen? Charlotte sann alle Mittel durch, endlich geriet sie auf den Gedanken, jenen Gehilfen  aus  der  Pension  kommen  zu  lassen,  der  über  Ottilien  viel  vermochte,  der  wegen  ihres unvermuteten Außenbleibens sich sehr freundlich geäußert, aber keine  Antwort erhalten hatte. Man  spricht,  um  Ottilie  nicht  zu  überraschen,  von  diesem  Vorsatz  in  ihrer  Gegenwart.  Sie scheint nicht einzustimmen; sie bedenkt sich; endlich scheint ein Entschluß in ihr zu reifen, sie eilt nach ihrem Zimmer und sendet noch vor Abend an die Versammelten folgendes Schreiben. Ottilie den Freunden Warum soll ich ausdrücklich sagen, meine Geliebten, was sich von selbst versteht? Ich bin aus meiner Bahn geschritten, und ich soll nicht wieder hinein. Ein feindseliger Dämon, der Macht über mich gewonnen, scheint mich von außen zu hindern, hätte ich mich auch mit mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden. 115
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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