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Die Wahlverwandtschaften

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Wie  vielerlei  Fälle  sind  möglich!  Laß  mich!  Jetzt  muß  sie  kommen.  Sie  erwartet  mich  mit  dem Kinde dort oben. Ottilie sprach in Hast. Sie rief sich alle Möglichkeiten zusammen. Sie war glücklich in Eduards Nähe und fühlte, daß sie ihn jetzt entfernen müsse. Ich bitte, ich beschwöre dich, Geliebter! rief sie aus: kehre zurück und erwarte den Major! Ich gehorche deinen Befehlen, rief Eduard, indem er sie erst leidenschaftlich anblickte und sie dann fest in seine Arme schloß. Sie umschlang ihn mit den ihrigen und drückte ihn auf das zärtlichste an ihre Brust. Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel   fällt,   über   ihre   Häupter   weg.   Sie   wähnten,   sie   glaubten   einander   anzugehören;   sie wechselten zum erstenmal entschiedene freie Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich. Die Sonne war untergegangen, und es dämmerte schon und duftete feucht um den See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem Berghause hinüber und glaubte, Charlottens weißes Kleid  auf  dem  Altan  zu  sehen.  Der  Umweg  war  groß  am  See  hin,  sie  kannte  Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde. Die Platanen sieht sie gegen sich über, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der sogleich zu dem  Gebäude hinaufführt. Mit Gedanken ist sie schon drüben  wie  mit  den  Augen.  Die  Bedenklichkeit,  mit  dem  Kinde  sich  aufs  Wasser  zu  wagen, verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht, daß ihr Herz pocht, daß ihre Füße schwanken, daß ihr die Sinne zu vergehen drohn. Sie  springt  in  den  Kahn,  ergreift  das  Ruder  und  stößt  ab.  Sie  muß  Gewalt  brauchen,  sie wiederholt den Stoß, der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke seewärts. Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den Kahn. Das Ruder entfährt ihr, nach der einen Seite, und wie sie sich  erhalten will, Kind und Buch, nach der andern, alles ins Wasser. Sie ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre unbequeme Lage hindert sie selbst am Aufstehen. Die freie rechte Hand ist nicht hinreichend, sich umzuwenden, sich aufzurichten,  endlich  gelingt’s,  sie  zieht  das  Kind  aus  dem  Wasser,  aber  seine  Augen  sind geschlossen, es hat aufgehört zu atmen. In  dem  Augenblicke  kehrte  ihre  ganze  Besonnenheit  zurück,  aber  um  desto  größer  ist  ihr Schmerz.  Der  Kahn  treibt  fast  in  der  Mitte  des  Sees,  das  Ruder  schwimmt  fern,  sie  erblickt niemanden am Ufer und auch was hätte es ihr geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert schwebt sie auf dem treulosen unzugänglichen Elemente. Sie sucht Hilfe bei sich selbst. So oft hatte sie von Rettung der Ertrunkenen gehört. Noch am Abend  ihres  Geburtstags  hatte  sie  es  erlebt.  Sie  entkleidet  das  Kind,  und  trocknet’s  mit  ihrem Musselingewand. Sie reißt ihren Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien Himmel; zum erstenmal  drückt  sie  ein  Lebendiges  an  ihre  reine  nackte  Brust,  ach!  und  kein  Lebendiges.  Die kalten   Glieder   des   unglücklichen   Geschöpfs   verkälten   ihren   Buse n   bis   ins   innerste   Herz. Unendliche Tränen entquellen ihren Augen und erteilen der Oberfläche des Erstarrten einen Schein von Wärm’ und Leben. Sie läßt nicht nach, sie überhüllt es mit ihrem Schal, und durch Streicheln, Andrücken,  Anhauchen,  Küssen,  Tränen  glaubt  sie  jene  Hilfsmittel  zu  ersetzen,  die  ihr  in  dieser Abgeschnittenheit versagt sind. Alles  vergebens!  Ohne  Bewegung  liegt  das  Kind  in  ihren  Armen,  ohne  Bewegung  steht  der Kahn auf der Wasserfläche; aber auch hier läßt ihr schönes Gemüt sie nicht hilflos. Sie wendet sich nach oben. Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder und hebt das erstarrte Kind mit beiden Armen über  ihre  unschuldige  Brust,  die  an  Weiße  und  leider  auch  an  Kälte  dem  Marmor  gleicht.  Mit feuchtem Blick sieht sie empor und  ruft Hilfe von daher, wo ein zartes Herz die größte Fülle zu finden hofft, wenn es überall mangelt. Auch  wendet  sie  sich  nicht  vergebens  zu  den  Sternen,  die  schon  einzeln  hervorzublinken anfangen. Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach den Platanen. Vierzehntes Kapitel 106
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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