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Die Wahlverwandtschaften

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Der wunderliche Mann, unser Mittler, versetzte Charlotte, hat am Ende doch recht. Alle solche Unternehmungen  sind  Wagestücke.  Was  daraus  werden  kann,  sieht  kein  Mensch  voraus.  Solche neue  Verhältnisse  können  fruchtbar  sein  an  Glück  und  an  Unglück,  ohne  daß  wir  uns  dabei Verdienst oder Schuld sonderlich zurechnen dürfen. Ich fühle mich nicht stark genug, dir länger zu widerstehen. Laß uns den Versuch machen. Das einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf kurze Zeit angesehen.  Erlaube  mir,  daß  ich  mich  tätiger  als  bisher  für  ihn  verwende,  und  meinen  Einfluß, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm eine Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige Zufriedenheit gewähren kann. Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der lebhaftesten Dankbarkeit. Er eilte mit freiem, frohem Gemüt, seinem Freunde Vorschläge schriftlich zu tun. Charlotte mußte in einer Nachschrift  ihren  Beifall  eigenhändig  hinzufügen,  ihre  freundschaftlichen  Bitten  mit  den  seinen vereinigen. Sie schrieb mit gewandter Feder gefällig und verbindlich, aber doch mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewöhnlich war; und was ihr nicht leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Tintenfleck, der sie ärgerlich machte und nur größer wurde, indem sie ihn wegwischen wollte. Eduard scherzte darüber, und weil noch PIatz war, fügte er eine zweite Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld sehen, womit er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief geschrieben, die Eilfertigkeit seiner Reise einrichten. Der  Bote  war  fort  und  Eduard  glaubte  seine  Dankbarkeit  nicht  überzeugender  ausdrücken  zu können, als indem er aber und abermals darauf bestand: Charlotte solle sogleich Ottilien aus der Pension holen lassen. Sie  bat  um  Aufschub  und  wußte  diesen  Abend  bei  Eduard  die  Lust  zu  einer  musikalischen Unterhaltung  aufzuregen.  Charlotte  spielte  sehr  gut  Klavier;  Eduard  nicht  eben  so  bequem  die Flöte, denn ob er sich gleich zuzeiten viel Mühe gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung eines solchen Talentes gehört. Er führte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder hielt er an, weil sie ihm nicht geläufig waren, und so wär’ es für jeden andern schwer gewesen, ein Duett mit  ihm  durchzubringen.  Aber  Charlotte  wußte  sich  darein  zu  finden;  sie  hielt  an  und  ließ  sich wieder  von  ihm  fortreißen,  und  versah  also  die  doppelte  Pflicht  eines  guten  Kapellmeisters  und einer klugen Hausfrau, die im ganzen immer das Maß zu erhalten wissen, wenn auch die einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten. Drittes Kapitel Der  Hauptmann  kam.  Er  hatte  einen  sehr  verständigen  Brief  vorausgeschickt,  der  Charlott en völlig beruhigte. So viel Deutlichkeit über sich selbst, so viel Klarheit über seinen eigenen Zustand, über den Zustand seiner Freunde, gab eine heitere und fröhliche Au ssicht. Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu geschehen pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft, ja fast erschöpfend. Gegen Abend veranlaßte Charlotte einen  Spaziergang  auf  die  neuen  Anlagen.  Der  Hauptmann  gefiel  sich  sehr  in  der  Gegend  und bemerkte jede Schönheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und genießbar geworden. Er hatte ein geübtes Auge und dabei ein genügsames; und ob er gleich das Wünschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch nicht, wie es öfters zu geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem Ihrigen herumführten, dadurch einen üblen Humor, daß er mehr verlangte als die Umstände zuließen, oder auch wohl gar an etwas Vollkommneres erinnerte, das er anderswo gesehen. Als sie die Mooshütte erreichten, fanden sie solche auf das lustigste ausgeschmückt, zwar nur mit künstlichen Blumen und Wintergrün, doch darunter so schöne Büschel natürlichen Weizens und anderer  Feld-  und  Baumfrüchte  angebracht,  daß  sie  dem  Kunstsinn  der  Anordnenden  zur  Ehre gereichten. 10
  
Faust - Der Tragödie erster Teil
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